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Enzyklika Sapientiae christianae

Papst Leo XIII. (ca. 1878)
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Leo XIII.: Enzyklika Sapientiae christianae – Über die Christen als Bürger

vom 10. Januar 1890

(Offizieller lateinischer Text: ASS XXII [1889-1890] 385-404)

An die Patriarchen, Primas, Erzbischöfe und Bischöfe der katholischen Welt, die in Gnade und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhl stehen.

I. Einleitung

Nur die himmlischen Güter machen den Menschen glücklich

1. Von Tag zu Tag wird immer deutlicher, wie notwendig es ist, dass die Grundsätze der christlichen Weisheit stets im Gedächtnis behalten werden und dass das Leben, die Sitten und die Institutionen der Völker ganz und gar nach ihnen ausgerichtet werden.

Denn wenn diese Grundsätze missachtet wurden, sind so gewaltige Übel entstanden, dass kein vernünftiger Mensch den Prüfungen der Gegenwart ohne tiefe Besorgnis begegnen oder die Zukunft ohne Furcht betrachten kann. Zwar wurden nicht unerhebliche Fortschritte bei der Sicherung des körperlichen Wohlergehens und der materiellen Dinge erzielt, doch ist die materielle Welt mit dem Besitz von Reichtum, Macht und Ressourcen, auch wenn sie wohl Annehmlichkeiten verschaffen und den Genuss des Lebens steigern mag, nicht in der Lage, unsere Seele zu befriedigen, die für höhere und herrlichere Dinge geschaffen ist.

Gott zu betrachten und sich ihm zuzuwenden ist das höchste Gesetz des menschlichen Lebens. Denn wir wurden nach dem göttlichen Bild und Gleichnis geschaffen und sind von Natur aus dazu getrieben, uns an unserem Schöpfer zu erfreuen. Doch nicht durch körperliche Bewegung oder Anstrengung nähern wir uns Gott, sondern durch Taten der Seele, das heißt durch Erkenntnis und Liebe. Denn wahrlich, Gott ist die erste und höchste Wahrheit, und nur der Geist nährt sich von der Wahrheit. Gott ist vollkommene Heiligkeit und das höchste Gut, das nur der Wille begehren und erlangen kann, wenn die Tugend sein Führer ist.

Der gottlose Staat schadet sich selbst

2. Was jedoch für den einzelnen Menschen gilt, gilt gleichermaßen für die Gesellschaft – sowohl die häusliche als auch die bürgerliche. Die Natur hat die Gesellschaft nicht geschaffen, damit der Mensch in ihr sein letztes Ziel suche, sondern damit er in ihr und durch sie geeignete Hilfen finde, um seine eigene Vollkommenheit zu erlangen.

Wenn also eine politische Regierung nur nach äußeren Vorteilen und der Verwirklichung eines kultivierten und wohlhabenden Lebens strebt; wenn sie bei der Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten gewohnt ist, Gott beiseite zu lassen und keine Sorge um die Aufrechterhaltung des moralischen Gesetzes zu zeigen, weicht sie kläglich von ihrem rechten Kurs und von den Geboten der Natur ab; noch sollte sie als Gesellschaft oder Gemeinschaft von Menschen angesehen werden, sondern nur als trügerische Nachahmung oder Schein einer Gesellschaft.

3. Was die von Uns als „Güter der Seele“ bezeichneten Werte betrifft, die vor allem in der Ausübung der wahren Religion und in der unerschütterlichen Einhaltung der christlichen Gebote bestehen, so sehen Wir, wie sie unter den Menschen täglich an Ansehen verlieren, sei es aus Vergesslichkeit oder aus Missachtung, und zwar in einer Weise, dass alles, was für das Wohlergehen des Körpers gewonnen wird, für das der Seele verloren zu sein scheint.

Ein eindrucksvoller Beweis für den Rückgang und die Schwächung des christlichen Glaubens zeigt sich in den Beleidigungen, die der katholischen Kirche allzu oft offen und öffentlich zugefügt werden – Beleidigungen, die eine religionsfreundliche Zeit niemals geduldet hätte. Aus diesen Gründen ist eine unglaubliche Vielzahl von Menschen in Gefahr, das Heil nicht zu erlangen; und selbst Nationen und Reiche können nicht lange unversehrt bleiben, da, wenn christliche Institutionen und Moral verfallen, das Hauptfundament der menschlichen Gesellschaft mit ihnen untergeht.

Nur die Gewalt wird übrig bleiben, um den öffentlichen Frieden und die Ordnung zu bewahren. Doch Gewalt ist sehr schwach, wenn das Bollwerk der Religion beseitigt ist, und da sie eher Sklaverei als Gehorsam hervorbringt, trägt sie in sich den Keim immer größerer Unruhen. Das gegenwärtige Jahrhundert hat denkwürdige Katastrophen erlebt, und es ist nicht sicher, dass nicht ebenso schreckliche bevorstehen.

Rettung ist nur von der Wiederherstellung christlicher Gesinnung zu erhoffen

Gerade die Zeiten, in denen wir leben, mahnen uns, Abhilfe dort zu suchen, wo sie allein zu finden ist – nämlich durch die Wiederherstellung der Lehren und Bräuche der christlichen Religion im Familienkreis und in der gesamten Gesellschaft. Darin liegt das einzige Mittel, uns von den Übeln zu befreien, die uns derzeit bedrücken, und den Gefahren zuvorzukommen, die die Welt derzeit bedrohen. Zur Erreichung dieses Ziels, ehrwürdige Brüder, müssen Wir alle Kraft und Sorgfalt aufbringen, die in Unserer Macht steht.

Obwohl Wir uns bereits unter anderen Umständen und wann immer es die Gelegenheit erforderte, mit diesen Angelegenheiten befasst haben, halten Wir es für angebracht, in diesem Schreiben die Pflichten der Katholiken näher zu definieren, da diese, wenn sie streng befolgt würden, auf wunderbare Weise zum Wohl des Gemeinwesens beitragen würden.

Wir sind in Zeiten geraten, in denen ein heftiger und fast täglicher Kampf um Angelegenheiten von höchster Bedeutung geführt wird, ein Kampf, in dem es schwer ist, nicht manchmal getäuscht zu werden, nicht in die Irre zu gehen und, für viele, nicht den Mut zu verlieren. Es ist unsere Pflicht, verehrte Brüder, jeden der Gläubigen mit einer der Situation angemessenen Ernsthaftigkeit zu warnen, zu unterweisen und zu ermahnen: damit niemand den Weg der Wahrheit verlässt. [Tobias 1, 2]

II. Die Pflichten der Bürger im allgemeinen

4. Es steht außer Zweifel, dass den Katholiken zahlreichere und gewichtigere Pflichten obliegen als jenen, die entweder in Bezug auf den katholischen Glauben nicht ausreichend aufgeklärt sind oder dessen Lehren gänzlich fremd sind. In Anbetracht dessen, dass Jesus Christus, sobald das Heil für die Menschheit bereitgestellt war, seinen Aposteln den Auftrag erteilte, „das Evangelium allen Geschöpfen zu verkünden“, hat er offensichtlich allen Menschen die Pflicht auferlegt, das, was ihnen gelehrt wurde, gründlich zu lernen und zu glauben.

Diese Pflicht ist eng mit dem Erlangen des ewigen Heils verbunden: „Wer glaubt und getauft wird, der wird gerettet werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.“ [Mark. 16, 16]

Die Liebe zur Kirche und zum Vaterland

Wer aber den christlichen Glauben angenommen hat, wie es seine Pflicht ist, ist allein dadurch ein Glied der Kirche als eines ihrer Kinder und wird Mitglied jenes größten und heiligsten Leibes, den der Papst unter seinem unsichtbaren Haupt, Jesus Christus, mit höchster Vollmacht zu leiten hat.

5. Wenn nun das Naturgesetz uns gebietet, das Land, in dem wir geboren und aufgewachsen sind, von ganzem Herzen zu lieben und zu verteidigen, sodass jeder gute Bürger nicht zögert, für sein Heimatland in den Tod zu gehen, so ist es umso mehr die dringende Pflicht der Christen, stets von ähnlichen Gefühlen gegenüber der Kirche beseelt zu sein.

Denn die Kirche ist die heilige Stadt des lebendigen Gottes, von Gott selbst geboren und von ihm erbaut und gegründet. Zwar vollzieht sie auf dieser Erde ihre Pilgerschaft, doch indem sie die Menschen unterweist und leitet, ruft sie sie zur ewigen Glückseligkeit.

Wir sind also verpflichtet, das Land, von dem wir die Mittel zum Genuss dieses sterblichen Lebens erhalten haben, innig zu lieben; doch haben wir eine viel dringlichere Verpflichtung, die Kirche, der wir das Leben der Seele verdanken – ein Leben, das ewig währt –, mit glühender Liebe zu lieben. Denn es ist angemessen, das Wohl der Seele dem Wohlergehen des Körpers vorzuziehen, da die Pflichten gegenüber Gott von weitaus heiligerem Charakter sind als jene gegenüber den Menschen.

6. Überdies entspringen – wenn wir recht urteilen wollen – die übernatürliche Liebe zur Kirche und die natürliche Liebe zu unserem eigenen Vaterland demselben ewigen Prinzip, da Gott selbst ihr Urheber und ihre ursprüngliche Ursache ist. Daraus folgt, dass die Pflichten, die sie jeweils auferlegen, nicht miteinander in Konflikt geraten können. Wir können und sollen uns selbst lieben, unseren Mitmenschen freundlich begegnen, Zuneigung für den Staat und die regierenden Mächte hegen; doch zugleich können und müssen wir der Kirche ein Gefühl kindlicher Ehrfurcht entgegenbringen und Gott mit der tiefsten Liebe lieben, zu der wir fähig sind.

Es gibt Konflikte zwischen Kirche und Staat

Die Rangfolge dieser Pflichten wird jedoch zuweilen, sei es unter dem Druck öffentlicher Unglücksfälle oder durch den perversen Willen der Menschen, umgekehrt. Denn es kommt vor, dass der Staat von den Menschen als Untertanen das eine zu verlangen scheint, die Religion aber von den Menschen als Christen etwas ganz anderes; und dies in Wirklichkeit ohne jeden anderen Grund, als dass die Herrscher des Staates entweder die heilige Macht der Kirche für nichts achten oder sich bemühen, sie ihrem eigenen Willen zu unterwerfen.

Daraus entsteht ein Konflikt und durch diesen Konflikt eine Gelegenheit, die Tugend auf die Probe zu stellen. Die beiden Mächte stehen sich gegenüber und drängen mit gegensätzlichen Geboten; beiden zu gehorchen ist gänzlich unmöglich. Niemand kann zwei Herren dienen [Matth. 6, 24], denn dem einen zu gefallen bedeutet, den anderen zu verachten. Was die Frage betrifft, wem der Vorzug zu geben ist, sollte niemand auch nur einen Augenblick zögern. –

Ein Befehl gegen Gottes Willen ist kein Gesetz

Es ist in der Tat ein schweres Verbrechen, Gott die Treue zu entziehen, um den Menschen zu gefallen; es ist ein Akt vollendeter Bosheit, die Gesetze Jesu Christi zu brechen, um den irdischen Herrschern Gehorsam zu erweisen, oder unter dem Vorwand, das bürgerliche Gesetz zu wahren, die Rechte der Kirche zu missachten; „wir müssen Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ [Apostelgesch. 5, 29]

Diese Antwort, die Petrus und die anderen Apostel in alter Zeit den zivilen Autoritäten zu geben pflegten, die ungerechte Dinge verlangten, müssen wir unter ähnlichen Umständen stets und ohne Zögern geben. Es gibt keinen besseren Bürger, sei es in Friedens- oder Kriegszeiten, als den Christen, der seiner Pflicht bewusst ist; doch ein solcher sollte bereit sein, alles zu erdulden, sogar den Tod selbst, anstatt die Sache Gottes oder der Kirche aufzugeben.

Gehorsam gegen ein ungerechtes Gesetz ist Frevel

8. Wer also diese Standhaftigkeit in der Pflichtwahl tadelt und als Aufruhr bezeichnet, hat die Kraft und das Wesen des wahren Rechts nicht richtig erfasst. Wir sprechen von allgemein bekannten Sachverhalten, die Wir bereits mehr als einmal ausführlich erläutert haben.

Das Gesetz ist seinem Wesen nach ein Gebot der rechten Vernunft, verkündet von einer rechtmäßig eingesetzten Autorität zum Wohl der Allgemeinheit. Doch wahre und legitime Autorität ist ohne Gültigkeit, wenn sie nicht von Gott, dem höchsten Herrscher und Herrn über alles, ausgeht.

Der Allmächtige allein kann einem Menschen Macht über seine Mitmenschen übertragen [Man beachte die außerordentliche Bedeutung dieses Prinzips; es rechtfertigt die Lehre, wonach die einzig denkbare Grundlage politischer Autorität göttlichen Ursprungs sein muss]; und man darf nicht als rechten Verstand das ansehen, was im Widerspruch zur Wahrheit und zur göttlichen Vernunft steht; noch darf man als wahres Gut das ansehen, was dem höchsten und unveränderlichen Gut zuwiderläuft oder das den Willen der Menschen von der Liebe Gottes abwendet und fortzieht.

9. Geheiligt ist daher in den Herzen der Christen der Begriff der öffentlichen Gewalt selbst, in dem sie sozusagen eine Ähnlichkeit und ein Symbol der göttlichen Majestät erkennen, selbst wenn sie von einem Unwürdigen ausgeübt wird. Eine gerechte und gebührende Ehrfurcht vor den Gesetzen wohnt in ihnen, nicht aus Zwang und Drohungen, sondern aus Pflichtbewusstsein; „denn Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben.“ [2. Tim. 1, 7]

10. Wenn aber die Gesetze des Staates offensichtlich im Widerspruch zum göttlichen Gesetz stehen, Bestimmungen enthalten, die der Kirche schaden, oder Anordnungen erlassen, die den von der Religion auferlegten Pflichten zuwiderlaufen, oder wenn sie in der Person des Papstes die Autorität Jesu Christi verletzen, dann wird der Widerstand wahrhaftig zu einer positiven Pflicht, der Gehorsam hingegen zu einem Verbrechen; ein Verbrechen zudem, verbunden mit einem Vergehen gegen den Staat selbst, insofern, als jede gegen die Religion gerichtete Beleidigung auch eine Sünde gegen den Staat ist.

Hier wird erneut deutlich, wie ungerecht der Vorwurf der Aufruhr ist; denn der den Herrschern und Gesetzgebern gebührende Gehorsam wird nicht verweigert, sondern es gibt eine Abweichung von ihrem Willen nur bei jenen Geboten, zu deren Erlass sie keine Befugnis haben. Gebote, die der Ehre Gottes zuwiderlaufen und somit außerhalb des Rahmens der Gerechtigkeit liegen, müssen als alles andere als Gesetze betrachtet werden.

So lautet die Lehre der Apostel – so die Lehre Christi

Ihr wisst sehr wohl, ehrwürdige Brüder, dass dies genau die Auffassung des Apostels Paulus ist, der, als er an Titus schrieb, nachdem er die Christen daran erinnert hatte, dass sie „sich den Fürsten und Mächten unterwerfen und auf ein Wort gehorchen“ sollen, sogleich hinzufügt: „Und zu jedem guten Werk bereit zu sein.“ [Titus 3, 1]

Damit erklärt er offen, dass es recht ist, menschlichen Gesetzen nicht zu gehorchen, wenn sie Gebote enthalten, die dem ewigen Gesetz Gottes widersprechen. In gleicher Weise gab der Fürst der Apostel jenen, die ihm die Freiheit nehmen wollten, das Evangelium zu verkünden, diese mutige und erhabene Antwort: „Wenn es vor Gott gerecht ist, eher auf euch als auf Gott zu hören, so urteilt ihr selbst; denn wir können nicht anders, als das zu sagen, was wir gesehen und gehört haben.“ [Apostelgesch. 4, 19-20]

11. Darum ist es die wesentliche Pflicht der Christen, beide Länder zu lieben, das irdische unten und das himmlische oben, jedoch in einer Weise, dass die Liebe zu unserer himmlischen Heimat die Liebe zu unserer irdischen übertrifft und dass menschliche Gesetze niemals über das göttliche Gesetz gestellt werden; dies ist sozusagen die Quelle, aus der alle anderen Pflichten entspringen. Der Erlöser der Menschheit hat selbst gesagt: „Dazu bin ich geboren und dazu bin ich in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.“[Joh. 18, 37] Ebenso: „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen, und was will ich anderes, als dass es entflammt?“ [Lk. 12, 49]

In der Erkenntnis dieser Wahrheit, die die höchste Vollkommenheit des Geistes ausmacht, und in der göttlichen Liebe, die in gleicher Weise den Willen vervollkommnet, gründen das gesamte christliche Leben und die Freiheit. Dieses edle Erbe der Wahrheit und der Liebe, das Jesus Christus der Kirche anvertraut hat, verteidigt und bewahrt sie stets mit unermüdlichem Eifer und Wachsamkeit.

III. Die Pflichten der Kirche bei dem heutigen Kampf gegen sie

12. Doch es wäre jetzt unangebracht, darauf einzugehen, mit welcher Bitterkeit und in wie vielen Gestalten der Krieg gegen die Kirche geführt wurde. Aus der Tatsache, dass es der menschlichen Vernunft gewährt wurde, der Natur durch die Forschungen der Wissenschaft viele ihrer kostbaren Geheimnisse zu entreißen und sie den vielfältigen Erfordernissen des Lebens angemessen anzuwenden, sind die Menschen von einem so arroganten Gefühl ihrer eigenen Kräfte erfasst worden, dass sie sich bereits für fähig halten, die Autorität und Herrschaft Gottes aus dem gesellschaftlichen Leben zu verbannen.

Von dieser Täuschung verführt, übertragen sie der menschlichen Natur die Herrschaft, derer sie Gott ihrer Meinung nach beraubt haben; von der Natur, so behaupten sie, müssen wir das Prinzip und die Regel aller Wahrheit suchen; aus der Natur, so versichern sie, entspringen allein alle Pflichten, die das religiöse Gefühl gebietet, und auf sie sei verwiesen.

Daher leugnen sie jede Offenbarung von oben und jede Treuepflicht gegenüber der christlichen Sittenlehre sowie jeden Gehorsam gegenüber der Kirche, und sie gehen so weit, ihr die Befugnis zur Gesetzgebung und zur Ausübung jeder anderen Art von Recht abzusprechen und der Kirche sogar jeglichen Platz unter den zivilen Institutionen des Gemeinwesens zu verweigern. Diese Männer streben ungerechtfertigterweise und mit aller Kraft danach, die Kontrolle über die öffentlichen Angelegenheiten zu erlangen und die Zügel des Staates in die Hand zu nehmen, damit die Gesetzgebung leichter an diese Grundsätze angepasst und die Sitten des Volkes im Einklang mit ihnen beeinflusst werden können.

Daraus ergibt sich, dass der Katholizismus in vielen Ländern entweder offen angegriffen oder heimlich behindert wird, wobei den schädlichsten Lehren völlige Straffreiheit gewährt wird, während das öffentliche Bekenntnis zur christlichen Wahrheit oft mit vielfältigen Einschränkungen belegt ist.

Aus: papal encyclicals – https://www.papalencyclicals.net/leo13/l13sapie.htm

Der Glaube ist zu bewahren durch Studium und das Gebet

870 In dieser traurigen Lage muss jeder vor allem darauf bedacht sein und angelegentlichst dafür Sorge tragen, dass er den mit dem Herzen tief erfassten Glauben durch treue Wachsamkeit beschütze, die Gefahr meide und sich namentlich gegen die vielfachen Trugschlüsse stets gewappnet zeige. Zur Reinerhaltung dieser Tugend ist Unserer Meinung nach von großem Nutzen und infolge der Zeitverhältnisse dringend notwendig ein eifriges Studium der christlichen Wahrheit, soweit Talent und Fähigkeit des einzelnen es erlauben; ebenso aber auch eine möglichst große Kenntnis jener Wahrheiten, welche mit der Religion zusammenhängen und mit der Vernunft allein schon erkannt werden können.

Da aber der Glaube nicht bloß im Herzen unversehrt leben, sondern auch stetig wachsen soll, so müssen wir immer wieder das flehentliche und demütige Gebet der Apostel wiederholen: Vermehre in uns den Glauben. (Luk. 17, 5)

Durch Bekämpfung der Irrtümer

871 Doch gibt es in Bezug auf den christlichen Glauben noch andere Pflichten, deren genaue und gewissenhafte Erfüllung, wenn je, dann besonders in unserer Zeit zum Heile notwendig ist. Gegenüber diesen überaus großen und weitverbreiteten unsinnigen Irrtümern, von denen Wir reden, hat zuallererst die Kirche die Pflicht, die Wahrheit zu verteidigen und die Irrtümer aus den Herzen zu verbannen; dies ist ihr heiliges und ständiges Amt, weil die Ehre Gottes und das Heil der Menschen in ihrer Obhut stehen.

Wenn aber die Not es verlangt, haben nicht bloß die Vorsteher die Pflicht, die Unversehrtheit des Glaubens zu beschützen, sondern „jeder Christ ist alsdann verpflichtet, seinen Glauben vor anderen zu verteidigen, sowohl um die anderen Gläubigen zu belehren und zu befestigen, als auch um die Angriffe der Ungläubigen zurückzuweisen.“ (Thomas von Aquin, Sum. theol. II-II)

Vor dem Feinde zurückzuweichen oder zu verstummen, wo von allen Seiten mit lautem Geschrei die Unterdrückung der Wahrheit gefordert wird, ist das Merkmal eines feigen Menschen, oder eines, der an dem Glauben, den er bekennen soll, zweifelt. Beides ist eine Schmach und eine Unbill gegen gegen Gott; beides gereicht dem einzelnen wie dem Staat zum Verderben und nützt nur den Feinden des Glaubens, da die Feigheit der Guten die Verwegenheit der Schlechten ganz besonders reizt.

872 Diese Gleichgültigkeit der Christen ist um so tadelnswerter, als die falschen Anschuldigungen und die verderblichen Irrtümer sich meistens leicht, jedenfalls stets bei einiger Anstrengung zurückweisen lassen. Schließlich ist es doch niemandem verwehrt, jenen Mut zu zeigen, der des Christen Kennzeichen ist, durch den allein oft die Verwegenheit der Widersacher zurückgeschlagen und ihre Pläne zuschanden gemacht werden. Übrigens ist der Christ zum Kampf geboren; je heißer er ist, desto sicherer ist mit Gottes Hilfe der Sieg. Habt Vertrauen, denn ich habe die Welt überwunden. (Joh. 16, 33).

Man werfe doch nicht ein, Jesus Christus bedürfe zur Erhaltung und Verteidigung seiner Kirche nicht menschlicher Hilfe. Nicht aus Mangel an Macht, sondern aus übergroßer Liebe will er, dass auch wir etwas beitragen, um die Früchte des Heiles, das er uns erworben hat, zu erlangen.

Durch das Bekenntnis zur Wahrheit

873 Zunächst verlangt diese Pflicht, dass wir den katholische Glauben offen und standhaft bekennen und ihn, jeder nach seinen Kräften, auch verbreiten. Oft genug und mit vollem Recht ist nämlich gesagt worden, dass es kein größeres Hindernis für die christliche Wahrheit gebe als deren Unkenntnis. Richtig verstanden, hat sie in sich Kraft genug, Irrtümer zu widerlegen, und die Vernunft ist zur Annahme bereite, sobald ein aufrichtiger und vorurteilsfreier Geist an sie herantritt.

Nun ist die Tugend des Glaubens ein großes Geschenk der Gnade und Güte Gottes, die Wahrheiten jedoch, die wir glauben sollen, werden uns fast nur durch das Anhören kund. Wie werden sie glauben, wenn sie nicht gehört haben? Wie werden sie aber hören ohne Prediger? … Also kommt der Glaube vom Anhören, das Anhören aber von der Predigt des Wortes Christi. (Röm. l0, l4,17).

Die Laien sollen auch Apostel werden

874 Doch soll niemand glauben, es sei den Privatpersonen jegliche Arbeit auf diesem Gebiete verboten, besonders jenen, denen Gott die Fähigkeit dazu und Eifer im Guten verliehen hat: diese dürfen sich zwar nicht das Lehramt anmaßen, aber sie sollen, so oft die Umstände es erfordern, in passender das, was sie selbst empfangen, anderen mitteilen, gleichsam als Echo der Lehrer. Ja, den Vätern des Vatikanischen Konzils erschien diese Mitwirkung der Privatpersonen so zweckdienlich und segensreich, dass sie dieselbe einfach hin als Pflicht erklärten.

„Alle Christgläubigen, besonders aber jene, die Vorsteher oder Lehrer sind, bitten wir um der Liebe Christi willen, und befehlen ihnen kraft der Autorität unseres Herrn Jesu Christi, allen Eifer und alle Mühe darauf zu verwenden, jene Irrtümer von der heiligen Kirche abzuwehren und auszurotten, damit das Licht des reinsten Glaubens hell erstrahle.“ (Vatik. Konzil, Sess III c. 4 can. 3, Denzinger Nr. 1819)

Auch soll sich jedermann erinnern, dass es den katholischen Glauben durch die Macht seines Beispiels ausbreiten und dadurch standhaftes Bekenntnis verkünden kann und soll. Unter den Pflichten also, die wir Gott und die Kirche haben, steht an erster Stelle jene, nach Möglichkeit mit Eifer die christliche Wahrheit zu verbreiten und die Irrtümer abzuwehren.

Einheit mit der Kirche ist notwendig

875 Dieser Pflicht werden aber jene nicht voll und erfolgreich genügen, welche allein und getrennt von den anderen in den Kampf ziehen. Jesus Christus hat ja vorausgesagt, dass dieselben Anfeindungen von Seiten der Menschen und dieselbe Eifersucht, die er zuerst erfahren, auch sein Werk in gleichem Maße treffen werden, so dass sogar viele um das von Christus erworbene Heil gebracht werden. Daher wollte er nicht bloß Schüler seiner Lehre heranbilden, sondern diese zu einer Gesellschaft vereinigen und zu einem „Leib“ weise zusammenfügen, der die Kirche ist (Kol. 1,24), und dessen Haupt er selber ist.

Das Leben Jesu Christi durchströmt daher den ganzen Organismus dieses Leibes, es nährt und kräftigt die einzelnen Glieder, hält diese untereinander in steter Verbindung und führt sie geeint zu demselben Ziel, wenn gleich nicht alle dieselbe Betätigung haben. (Röm. 12, 4-5)

Daher ist die Kirche nicht bloß eine vollkommene Gesellschaft, die jede andere weit überragt, sondern ihr wurde von ihrem Stifter als Lebenszweck bestimmt, wie ein geordnetes Kriegsheer (Hohes Lied 6,9) für das Heil der Menschheit zu kämpfen. Diese Verfassung und Gestaltung des Christentums darf nicht geändert werden; und es ist dem einzelnen nicht mehr erlaubt, nach seinem Gutdünken das Leben einzurichten oder seine Kampfweise nach Willkür sich zu wählen; mithin sammelt derjenige nicht, sondern zerstreut, der nicht mit der Kirche und mit Jesus Christus sammelt, und in Wahrheit kämpfen diejenigen gegen Gott an, die nicht kämpfen mit Christus und mit seiner Kirche. (Luk. 11,23)

Die Einhelligkeit in den Meinungen ist zu bewahren

876 Um aber diese Einheit der Herzen und diese Gleichmäßigkeit im Handeln – die mit Recht von den Feinden des Katholizismus so gefürchtet sind – zu bewirken, ist erstes Erfordernis die Einheit in den Anschauungen. Wir sehen, wie der Apostel Paulus die Korinther mit aller Kraft und mit allem Ernst dazu ermahnt: Ich beschwöre euch, Brüder, im Namen unseres Herrn Jesu Christi, daß ihr alle einerlei Sprache führt und keine Spaltungen unter euch duldet; daß ihr vielmehr vollkommen eines Sinnes und einer Meinung seid. (1.Kor. 1,10)

877 Wie vernünftig dieses Gebot ist, ist leicht einzusehen. Der Geist ist ja die letzte Quelle unseres Handelns; deshalb kann keine Übereinstimmung im Willen und keine Gleichmäßigkeit im Handeln erzielt werden, wenn die Geister in ihren Meinungen auseinander gehen. Jene, die nur die Vernunft als ihre Führerin anerkennen, werden selten oder nie eines Sinnes sein können.

Die Kunst, die Dinge richtig zu erkennen, ist sehr schwer. Der Geist ist aber von Natur schwach, wird durch durch die verschiedenen Meinungen hin und her gezerrt und lässt sich nicht selten durch den äußeren Eindruck, den die Dinge machen, zum Irrtum verleiten. Dazu kommen noch die Leidenschaften, welche uns die Fähigkeit, die Wahrheit zu erkennen, oftmals rauben oder sie wenigstens schwächen. Deshalb greift man in der Staatsregierung oft zur Gewalt, um die Geister äußerlich zu einen, die innerlich verschiedener Meinung sind.

878 Ganz anders die Christen: sie empfangen von der Kirche, was sie zu glauben haben, und wissen, daß sie an der Hand der kirchlichen Autorität zur Wahrheit gelangen. Wie es darum, weil nur ein Jesus Christus ist, auch nur eine Kirche gibt, so gibt es und darf es für alle Christen auf dem Erdkreis auch nur eine Lehre geben. Ein Herr, ein Glaube. (Eph. 4,5) Diejenigen, die denselben Geist des Glaubens haben (2. Kor. 4,13), besitzen damit jene Quelle des Heils, aus der von selbst bei allen die Übereinstimmung im Wollen und im Handeln hervor quillt.

Diese Einmütigkeit muss eine vollkommene sein

879 Wie der Apostel Paulus mahnt, muss aber die Einheit eine vollkommene sein. –

a) Vollkommene Unterwerfung des Willens unter Kirche und Papst

Der christliche Glaube beruht nicht auf menschlicher, sondern auf göttlicher Autorität; »wir halten nämlich das«, was wir von Gott empfangen haben, »für wahr, nicht weil wir dessen innere Wahrheit mit dem Lichte der natürlichen Vernunft durchschauen, sondern auf die Autorität Gottes hin, der es uns offenbart, und der weder sich noch uns täuschen kann.« (2. Kor. 4,13)

Daraus folgt, dass wir jede einzelne Wahrheit, von der feststeht, dass sie von Gott geoffenbart ist, mit der gleichen Zustimmung annehmen müssen; wer auch nur einer dieser Wahrheiten den Glauben versagt, verwirft damit alle. Jeder, der entweder leugnet, dass Gott zu den Menschen gesprochen hat, oder der an der unendlichen Wahrhaftigkeit und Weisheit Gottes zweifelt, zerstört damit die Grundlage des ganzen Glaubens. Das kirchliche Lehramt hat aber zu bestimmen, was zur Lehre der göttlichen Offenbarung gehört; ihm hat Gott die Überwachung und die Auslegung seines Wortes übertragen.

Der oberste Lehrer in der Kirche ist aber der Papst. Wie die Einheit in der Gesinnung eine vollkommene Übereinstimmung in dem einen Glauben verlangt, so fordert sie die vollkommene Unterwerfung und den Gehorsam des Willens gegenüber der Kirche und dem Papst ebenso wie gegen Gott selbst.

b) Dieser Gehorsam muss rückhaltlos sein

880 Vollkommen muss dieser Gehorsam sein, da er vom Glauben selbst vorgeschrieben ist; und dies hat er mit dem Glauben gemeinsam, daß er unteilbar ist; ja, wenn er nicht ganz ohne Vorbehalt ist, mag er auch alle anderen guten Eigenschaften haben, so verliert er die Natur des Gehorsams und ist ein Gehorsam nur dem Scheine nach. Es ist Sitte unter den Christen, von diesem vollkommenen Gehorsam auszusagen, dass er jenes Kennzeichen ist, woran man den Katholiken stets erkannt hat und noch erkennt.

Außerordentlich schön wird dieses Wort vom heiligen Thomas von Aquin erklärt:

»Der Grund, weshalb wir glauben, ist die höchste Wahrheit, wie sie sich in der Heiligen Schrift und in der Lehre der Kirche, die aus der obersten Wahrheit hervorgeht, offenbart. Wer also der Lehre der Kirche, die aus der in der Heiligen Schrift geoffenbarten höchsten Wahrheit hervorgeht, nicht folgt als der unfehlbaren und göttlichen Regel des Glaubens, der besitzt nicht den Glauben; er mag den Wahrheiten des Glaubens auf andere Weise zustimmen, jedenfalls geschieht es nicht durch den Glauben …

Es ist aber klar, wer den Lehren der Kirche als der unfehlbaren Glaubensregel zustimmt, nimmt alles an, was die Kirche lehrt; wenn er nämlich von dem, was die Kirche lehrt, annimmt, was ihm gefällt, und zurückweist, was ihm nicht gefällt, so folgt er nicht der Lehre der Kirche als der unfehlbaren Glaubensregel, sondern seinem eigenen Willen.« (Thomas von Aquin, Sum. Theol. II-II q. 5 a. 3)

»In der ganzen Kirche darf nur ein Glaube sein nach der Heiligen Schrift: Ihr sollt alle dasselbe sagen, und es sollen keine Spaltungen unter euch sein. (1. Kor. 1,10) Das kann aber unmöglich verwirklicht werden, wenn nicht die Glaubensfragen von dem Oberhaupt der ganzen Kirche entschieden werden, auf daß alsdann seine Entscheidung von der ganzen Kirche festgehalten wird. Daher untersteht eine neue Fassung des Glaubensbekenntnisses wie auch alles, was die Gesamtkirche betrifft, allein der Machtvollkommenheit des Papstes.« (Thomas von Aquin, Sum. Theol. II-II q. 1 a. 10)

Man soll sich leiten lassen durch Papst und Bischöfe

881 Was nun die Grenzen dieses Gehorsams angeht, so soll niemand meinen, den kirchlichen Oberhirten, insbesondere dem Römischen Papst, habe man nur in den Glaubenslehren (Dogmen) zu gehorchen, deren hartnäckige Verwerfung das Verbrechen des Irrglaubens ausmacht. Es genügt sogar nicht, aufrichtig und fest jenen Lehren zuzustimmen, welche von der Kirche zwar nicht durch einen feierlichen Ausspruch definiert sind, aber doch von dem ordentlichen und allgemeinen kirchlichen Lehramt als göttlich geoffenbarte Wahrheiten uns zu glauben vorgestellt werden; das Vatikanische Konzil hat entschieden, dass diese Wahrheiten mit göttlichem und katholischem Glauben festzuhalten sind. [Vatikanisches Konzil, Konst. de fide catholica, Kap. 3, De fide. Vgl. H. Denziger, Enchiridion Symbolorium 11. Aufl., Freiburg i. Br., 1911), S. 476.]

Es ist vielmehr auch Christenpflicht, dass man sich durch die Regierungsgewalt der Bischöfe, besonders aber durch die des Apostolischen Stuhles leiten und führen lasse. Wie richtig dieses ist, ist leicht einzusehen. Die göttliche Offenbarung enthält Wahrheiten, die sich teils auf Gott beziehen, teils auf den Menschen und auf die zum Heil der Menschen notwendigen Mittel.

Über beides, nämlich über das, was wir zu glauben, und das, was wir zu tun, gibt uns, wie gesagt, die Kirche kraft göttlichen Rechtes Vorschriften, und in der Kirche steht dies hinwiederum dem Papst zu. Darum muss der Papst gemäß seiner Autorität auch entscheiden können, was die göttliche Offenbarung enthält, was mit der Offenbarung im Einklang steht und was nicht; ebenso muss er erklären können, was sittlich ist und was unsittlich, was wir zu tun und was wir zu lassen haben, um das Heil zu erlangen; sonst könnte er weder das Wort Gottes mit Sicherheit auslegen, noch dem Menschen ein sicherer Führer auf dem Lebensweg sein.

aus: Anton Rohrbasser u.a., Heilslehre der Kirche, Dokumente von Pius IX. bis Pius XII., 1953, S. 551 – S. 558

IV. Die Kirche allein hat das Recht, die Seelen zu leiten

25. Über das bisher Gesagte hinaus ist es notwendig, tiefer in das Wesen der Kirche einzudringen. Sie ist kein zufällig zusammengeführter Zusammenschluss von Christen, sondern eine von Gott gegründete und auf bewundernswerte Weise gestaltete Gemeinschaft, deren unmittelbares und vorrangiges Ziel es ist, die Welt zu Frieden und Heiligkeit zu führen. Und da allein die Kirche durch die Gnade Gottes die notwendigen Mittel erhalten hat, um dieses Ziel zu verwirklichen, verfügt sie über feste Gesetze, besondere Wirkungsbereiche und eine bestimmte, festgelegte und ihrem Wesen entsprechende Methode zur Leitung der christlichen Völker.

Doch die Ausübung dieser Leitungsgewalt ist schwierig und lässt Raum für unzählige Konflikte, da die Kirche Völker regiert, die über alle Teile der Erde verstreut sind, sich in Rasse und Sitten unterscheiden und, da sie unter der Herrschaft der Gesetze ihrer jeweiligen Länder leben, sowohl den weltlichen als auch den kirchlichen Autoritäten Gehorsam schulden. Die auferlegten Pflichten obliegen, wie bereits dargelegt, denselben Personen, und zwischen ihnen besteht weder Widerspruch noch Verwirrung; denn einige dieser Pflichten beziehen sich auf das Wohlergehen des Staates, andere auf das allgemeine Wohl der Kirche, und beide haben zum Ziel, die Menschen zur Vollkommenheit zu erziehen.

26. Da diese Rechte und Pflichten nun dargelegt sind, ist es offensichtlich, dass es den regierenden Mächten völlig freisteht, die Angelegenheiten des Staates zu führen; und dies nicht nur nicht gegen den Willen der Kirche, sondern offensichtlich in Zusammenarbeit mit ihr, insofern sie nachdrücklich zur Ausübung der Frömmigkeit mahnt, was eine richtige Gesinnung gegenüber Gott beinhaltet und gerade dadurch eine richtige Gesinnung gegenüber den Herrschern im Staat weckt. Die geistliche Macht hat jedoch einen weitaus erhabeneren Zweck, da die Kirche ihr Ziel darauf richtet, die Gemüter der Menschen zur Verteidigung des „Reiches Gottes und seiner Gerechtigkeit“ [Matth. 6, 33] zu lenken – eine Aufgabe, deren Erfüllung sie sich voll und ganz verschrieben hat.

27. Niemand darf jedoch, ohne den Glauben zu gefährden, Zweifel daran hegen, dass allein die Kirche mit einer solchen Macht zur Führung der Seelen ausgestattet ist, dass die weltliche Obrigkeit gänzlich ausgeschlossen bleibt. In Wahrheit hat Jesus Christus die Schlüssel des Himmelreichs nicht dem Kaiser, sondern Petrus anvertraut. Aus dieser Lehre über das Verhältnis von Politik und Religion ergeben sich wichtige Konsequenzen, über die wir nicht schweigen dürfen.

Die Kirche stellt sich nicht in den Dienst einer Partei

28. Es besteht ein bemerkenswerter Unterschied zwischen jeder Art weltlicher Herrschaft und der Herrschaft des Reiches Christi. Auch wenn diese gewisse Ähnlichkeit und Züge eines weltlichen Reiches aufweist, unterscheidet sie sich doch von diesem durch ihren Ursprung, ihr Prinzip und ihr Wesen. – Die Kirche besitzt daher das Recht, zu existieren und sich durch Institutionen und Gesetze zu schützen, die ihrer Natur entsprechen. Und da sie nicht nur in sich selbst eine vollkommene Gemeinschaft ist, sondern jeder anderen von Menschen geschaffenen Gemeinschaft überlegen ist, lehnt sie es entschlossen ab – gleichermassen aus Recht und Pflicht heraus –, sich an irgendeine bloße Partei zu binden und sich den flüchtigen Erfordernissen der Politik zu unterwerfen.

Aus denselben Gründen vertritt die Kirche, die stets ihre eigenen Rechte wahrt und die Rechte anderer aufs Äußerste achtet, die Auffassung, dass es nicht ihre Aufgabe ist, zu entscheiden, welche der vielen verschiedenen Regierungsformen und zivilen Institutionen christlicher Staaten die beste ist, und unter den verschiedenen Arten staatlicher Herrschaft lehnt sie keine ab, sofern die der Religion gebührende Achtung und die Einhaltung der guten Sitten gewahrt bleiben.

Die Christen haben in der Politik einmütig die Religion zu verteidigen

An diesem Verhaltensmaßstab sollten sich die Gedanken und das Handeln jedes Katholiken orientieren.

29. Es besteht kein Zweifel daran, dass es im Bereich der Politik reichlich Anlass für legitime Meinungsverschiedenheiten geben kann und dass – unter dem einzigen Vorbehalt der Rechte der Gerechtigkeit und der Wahrheit – jeder danach streben darf, jene Ideen in die Praxis umzusetzen, von denen er glaubt, dass sie dem allgemeinen Wohl mehr dienen als andere.

Doch der Versuch, die Kirche in Parteienstreitigkeiten hineinzuziehen und ihre Unterstützung gegen diejenigen einzusetzen, die gegensätzliche Ansichten vertreten, ist nur von Parteigängern würdig.

Die Religion sollte im Gegenteil von jedem als heilig und unantastbar angesehen werden; ja, in der öffentlichen Ordnung der Staaten selbst – die nicht von den die Sitten beeinflussenden Gesetzen und von den religiösen Pflichten getrennt werden kann – ist es stets dringend und in der Tat das Hauptanliegen, darüber nachzudenken, wie den Interessen des Katholizismus am besten Rechnung getragen werden kann. Wo immer diese aufgrund der Bemühungen von Gegnern in Gefahr zu sein scheinen, sollten alle Meinungsverschiedenheiten unter den Katholiken unverzüglich aufhören, damit, wenn gleiche Gedanken und Ratschläge vorherrschen, sie der Religion, dem allgemeinen und höchsten Gut, auf das alles andere zurückgeführt werden sollte, zu Hilfe eilen können. Wir halten es für angebracht, diese Angelegenheit etwas ausführlicher zu behandeln.

30. Zweifellos verfügen sowohl die Kirche als auch der Staat über eigene Souveränität; daher gehorcht bei der Führung öffentlicher Angelegenheiten keiner dem anderen innerhalb der Grenzen, die jedem durch seine Verfassung gesetzt sind. Daraus folgt jedoch nicht, dass Kirche und Staat in irgendeiner Weise voneinander getrennt oder gar gegensätzlich wären. Die Natur hat uns nämlich nicht nur das physische Dasein, sondern auch das moralische Leben geschenkt.

Daher erwartet der Mensch von der Ruhe der öffentlichen Ordnung, die das unmittelbare Ziel der bürgerlichen Gesellschaft ist, sein Wohlergehen und noch mehr die schützende Fürsorge, die für sein moralisches Leben notwendig ist, das ausschließlich in der Erkenntnis und Ausübung der Tugend besteht. Er wünscht sich darüber hinaus, wie es seine Pflicht ist, in der Kirche die Hilfen zu finden, die für seine religiöse Vollkommenheit notwendig sind, in der Erkenntnis und Ausübung der wahren Religion; jener Religion, die die Königin der Tugenden ist, weil sie diese, indem sie sie mit Gott verbindet, alle vervollständigt und vervollkommnet.

Bei allen Gesetzen ist das Ziel, die religiöse Bestimmung des Menschen im Auge zu behalten

Deshalb müssen diejenigen, die an der Ausarbeitung von Verfassungen beteiligt sind und sich mit der religiösen Natur des Menschen befassen, darauf achten, ihm auf richtige und geordnete Weise zur Vollkommenheit zu verhelfen, ohne etwas zu gebieten oder zu verbieten, außer dem, was vernünftigerweise mit den zivilen wie auch den religiösen Anforderungen vereinbar ist. Gerade aus diesem Grund kann die Kirche nicht tatenlos zusehen und gleichgültig bleiben gegenüber der Tragweite und Bedeutung der vom Staat erlassenen Gesetze; nicht insofern, als sie sich auf den Staat beziehen, sondern insofern, als sie über ihre gebührenden Grenzen hinausgehen und in die Rechte der Kirche eingreifen.

31. Von Gott ist der Kirche die Aufgabe übertragen worden, nicht nur Widerstand zu leisten, sollte die staatliche Herrschaft jemals der Religion zuwiderlaufen, sondern sich darüber hinaus nach Kräften dafür einzusetzen, dass die Kraft des Evangeliums das Recht und die Institutionen der Völker durchdringt.

Und da das Schicksal des Staates hauptsächlich von der Gesinnung derer abhängt, die an der Spitze der Staatsgeschäfte stehen, folgt daraus, dass die Kirche jenen, von denen sie weiß, dass sie von einem Geist der Feindseligkeit ihr gegenüber durchdrungen sind, die sich offen weigern, ihre Rechte zu achten, und die es sich zum Ziel und Zweck machen, das Bündnis zu zerreißen, das naturgemäß die Interessen der Religion mit denen des Staates verbinden sollte, keine Unterstützung oder Gunst gewähren kann.

Im Gegenteil, sie ist (wie es ihre Pflicht ist) die Stütze derer, die selbst von der richtigen Denkweise hinsichtlich der Beziehungen zwischen Kirche und Staat durchdrungen sind und die danach streben, diese in vollkommener Übereinstimmung zum gemeinsamen Wohl wirken zu lassen. Diese Grundsätze enthalten das unveränderliche Prinzip, nach dem jeder Katholik sein Verhalten im öffentlichen Leben ausrichten sollte. Kurz gesagt: Wo die Kirche die Teilnahme an öffentlichen Angelegenheiten nicht verbietet, ist es angebracht und richtig, Männer von anerkanntem Wert zu unterstützen, die sich verpflichten, sich für die katholische Sache zu verdingen, und unter keinen Umständen darf es zugelassen werden, ihnen Personen vorzuziehen, die der Religion feindlich gesinnt sind.

Die Zwiespalt der Katholiken ist verderblich

32. Daraus wird deutlich, wie dringlich die Pflicht ist, die vollkommene Einigkeit der Geister zu wahren, besonders in unserer heutigen Zeit, da der christliche Name durch so gut abgestimmte und raffinierte Machenschaften angegriffen wird. Alle, denen es am Herzen liegt, sich ernsthaft der Kirche anzuschließen, die „die Säule und das Fundament der Wahrheit“ [1. Tim. 3, 15] ist, werden sich leicht von Meistern fernhalten, die „lügen und ihnen Freiheit versprechen, während sie selbst Sklaven der Verderbnis sind“. [2. Petr 2, 1, 19.]

Mehr noch: Da sie an der göttlichen Tugend teilhaben, die in der Kirche wohnt, werden sie die List ihrer Gegner durch Weisheit und ihre Gewalt durch Mut überwinden. Dies ist nun nicht der richtige Zeitpunkt und Ort, um zu untersuchen, ob und inwieweit die Trägheit und die inneren Zwistigkeiten der Katholiken zum gegenwärtigen Zustand der Dinge beigetragen haben; doch ist zumindest sicher, dass die Verdorbenen weniger Kühnheit an den Tag legen und eine solche Anhäufung von Übeln nicht herbeigeführt hätten, wenn der Glaube, „der durch die Liebe wirkt“ [Gal. 5, 6] in den Seelen der Menschen allgemein energischer und lebendiger gewesen wäre und es nicht eine so allgemeine Abkehr von der göttlich festgelegten Sittenordnung im gesamten Christentum gegeben hätte.

Mögen zumindest die Lehren, die die Erinnerung an die Vergangenheit bietet, zu einem klügeren Handeln in der Zukunft führen.

V. Zwei Fehler sind zu vermeiden

Die falsche Klugheit

33. Diejenigen, die beabsichtigen, sich an öffentlichen Angelegenheiten zu beteiligen, sollten mit größter Sorgfalt zwei verhängnisvolle Exzesse vermeiden: die sogenannte Klugheit und den falschen Mut. Es gibt in der Tat einige, die behaupten, es sei nicht angebracht, das Böse mutig anzugreifen, wenn es mächtig ist und sich im Aufschwung befindet, damit, wie sie sagen, der Widerstand die ohnehin schon feindseligen Gemüter nicht noch weiter aufbringe.

Bei diesen bleibt es ein Rätsel, ob sie für die Kirche oder gegen sie sind, da sie sich einerseits als Bekenner des katholischen Glaubens ausgeben, aber dennoch wünschen, dass die Kirche zulässt, dass bestimmte Meinungen, die im Widerspruch zu ihrer Lehre stehen, ungestraft verbreitet werden. Sie klagen über den Glaubensverlust und den Verfall der Sitten, bemühen sich jedoch nicht, Abhilfe zu schaffen; ja, nicht selten verstärken sie das Unheil sogar noch durch übermäßige Nachsicht oder schädliche Heuchelei. Dieselben Personen möchten nicht, dass jemand an ihrem guten Willen gegenüber dem Heiligen Stuhl zweifelt; dennoch haben sie stets etwas vorzuwerfen, das dem Papst zur Last fällt.

34. Die Klugheit von Menschen dieser Art ist jene, die der Apostel Paulus als „Weisheit des Fleisches“ und „Tod“ der Seele bezeichnet, „denn sie unterwirft sich nicht dem Gesetz Gottes und kann es auch nicht.“ [siehe Röm. 8, 6-7] Nichts ist weniger geeignet, solche Übel zu beheben, als eine Klugheit dieser Art. Denn die Feinde der Kirche haben zum Ziel – und sie zögern nicht, dies zu verkünden, und viele unter ihnen rühmen sich dessen –, die katholische Religion, die allein die wahre Religion ist, wenn möglich gänzlich zu vernichten.

Mit einem solchen Ziel vor Augen schrecken sie vor nichts zurück, denn sie sind sich voll und ganz bewusst, dass es umso leichter sein wird, ihren bösen Willen durchzusetzen, je zaghafter diejenigen werden, die ihnen Widerstand leisten.

Darum sind jene, die die „Klugheit des Fleisches“ pflegen und so tun, als wüssten sie nicht, dass jeder Christ ein tapferer Soldat Christi sein sollte; jene, die gerne die den Siegern zustehenden Belohnungen erhalten möchten, während sie das Leben von Feiglingen führen, unberührt vom Kampf, so weit davon entfernt, den Vormarsch der Böswilligen zu behindern, dass sie ihm im Gegenteil sogar Vorschub leisten.

Der falsche Eifer

35. Andererseits maßen sich nicht wenige, getrieben von falschem Eifer oder – was noch verwerflicher ist – unter dem Deckmantel von Gefühlen, die ihr Verhalten Lügen straft, eine Rolle an, die ihnen nicht zusteht. Sie möchten das Handeln der Kirche so sehr von ihren Vorstellungen und ihrem Urteil beeinflussen, dass sie alles, was anders geschieht, übel nehmen oder nur widerwillig akzeptieren. Wieder andere verschwenden ihre Kräfte in fruchtlosen Streitigkeiten und sind ebenso der Kritik würdig wie die erstgenannten.

Ein solches Handeln bedeutet nicht, der rechtmäßigen Autorität zu folgen, sondern ihr zuvorzukommen und ohne Befugnis die Aufgaben der geistlichen Oberhäupter zu übernehmen, zum großen Schaden der Ordnung, die Gott in seiner Kirche für alle Zeiten festgelegt hat und deren Verletzung er von niemandem, wer auch immer er sein möge, ungestraft duldet.

Die Klugheit des Geistes ist zu pflegen

36. Ehre sei also jenen, die nicht davor zurückschrecken, so oft es nötig ist, in die Arena zu treten, im Glauben und in der Überzeugung, dass die Gewalt der Ungerechtigkeit ein Ende finden und schließlich der Heiligkeit des Rechts und der Religion weichen wird! Sie scheinen wahrhaftig mit der Würde althergebrachter Tugend ausgestattet zu sein, da sie darum ringen, die Religion zu verteidigen, und zwar vor allem gegen jene Fraktion, die sich zusammengeschlossen hat, um das Christentum mit äußerster Kühnheit und unermüdlich anzugreifen und den in ihre Gewalt geratenen Papst mit unaufhörlicher Feindseligkeit zu verfolgen.

Doch Männer von solch hohem Charakter bewahren ohne zu wanken die Liebe zum Gehorsam und neigen nicht dazu, etwas aus eigener Machtvollkommenheit zu unternehmen. Da nun ein solcher Entschluss zum Gehorsam, verbunden mit Standhaftigkeit und unerschütterlichem Mut, notwendig ist, damit sie, welche Prüfungen der Druck der Ereignisse auch bringen möge, „an nichts Mangel leiden“ [Jak. 1, 4], wollen wir jedem tief ins Gewissen einprägen, was Paulus die „Weisheit des Geistes“ [Röm. 8, 6] nennt; denn bei der Lenkung menschlichen Handelns folgt diese Weisheit der vortrefflichen Regel der Mäßigung, mit dem glücklichen Ergebnis, dass niemand entweder aus Mangel an Mut zaghaft verzweifelt oder aus Mangel an Klugheit zu viel wagt.

Das Vertrauen zur politischen Klugheit des Papstes ist notwendig

Es gibt jedoch einen Unterschied zwischen der politischen Klugheit, die sich auf das allgemeine Wohl bezieht, und derjenigen, die das Wohl des Einzelnen betrifft. Letztere zeigt sich bei Privatpersonen, die bei der Ausrichtung ihres eigenen Verhaltens den Eingebungen der rechten Vernunft folgen; während erstere das Kennzeichen derer ist, die über andere gesetzt sind, und vor allem der Staatsführer, deren Pflicht es ist, die Befehlsgewalt auszuüben, so dass die politische Klugheit von Privatpersonen ganz darin zu bestehen scheint, die von der rechtmäßigen Autorität erlassenen Befehle getreulich auszuführen.

[„Die Klugheit entspringt der Vernunft, und es ist insbesondere Aufgabe der Vernunft, zu leiten und zu lenken. Daraus folgt, dass jeder, der an der Leitung und Lenkung der Angelegenheiten beteiligt ist, in diesem Maße mit Vernunft und Klugheit ausgestattet sein sollte. Es ist jedoch offensichtlich, dass der Untergebene, soweit er Untergebener ist, und der Diener weder lenken noch regieren sollten, sondern vielmehr gelenkt und regiert werden sollten. Die Klugheit ist also weder die besondere Tugend des Dieners, soweit er Diener ist, noch die des Untergebenen, soweit er Untergebener ist.

Da aber jeder Mensch aufgrund seines Charakters als vernunftbegabtes Wesen durch die von ihm getroffene rationale Entscheidung einen gewissen Anteil an der Regierung haben kann, ist es angemessen, dass er in diesem Maße die Tugend der Klugheit besitzt. Daraus folgt offensichtlich, dass die Klugheit im Herrscher so vorhanden ist, wie die Baukunst im Architekten, während die Klugheit im Untertan so vorhanden ist, wie die Baukunst in der Hand des am Bau beschäftigten Handwerkers.“ Summa theologiae, IIa-IIb, q. xlvii, art. 12, Antwort. Der heilige Thomas von Aquin bezieht sich auf Aristoteles, Ethik zu Nikomachos, Buch VI, 8, 1141b 21–29.]

37. Eine ähnliche Gesinnung und dieselbe Ordnung sollten in der christlichen Gesellschaft umso mehr herrschen, als die politische Klugheit des Papstes vielfältige und vielgestaltige Dinge umfasst; denn es ist seine Aufgabe, nicht nur die Kirche zu leiten, sondern allgemein das Handeln der christlichen Bürger so zu regeln, dass es in angemessener Übereinstimmung mit ihrer Hoffnung auf das Erlangen des ewigen Heils steht. Daraus geht klar hervor, dass die Gläubigen neben der völligen Übereinstimmung von Denken und Handeln auch der praktischen politischen Weisheit der kirchlichen Autorität folgen sollten.

Nun obliegt die Verwaltung der christlichen Angelegenheiten unmittelbar unter dem römischen Papst den Bischöfen, die, obwohl sie nicht den Gipfel der päpstlichen Macht erreichen, dennoch wahrhaftige Fürsten in der kirchlichen Hierarchie sind; und da jeder von ihnen eine bestimmte Kirche verwaltet, sind sie „wie Meisterbauer … am geistlichen Bau“ [36], und sie haben Mitglieder des Klerus, die ihre Aufgaben teilen und ihre Entscheidungen ausführen. Jeder muss sein Verhalten nach dieser Verfassung der Kirche ausrichten, die kein Mensch ändern kann.

Folglich sollten die Bischöfe bei der Ausübung ihrer bischöflichen Autorität mit dem Apostolischen Stuhl vereint sein, ebenso wie die Mitglieder des Klerus und die Laien in enger Einheit mit ihren Bischöfen leben sollten.

Das Richteramt über Fehler der Vorgesetzten steht nicht den Untergebenen zu

Unter den Prälaten mag es zwar den einen oder anderen geben, der Anlass zur Kritik gibt, sei es in Bezug auf sein persönliches Verhalten oder in Bezug auf seine Ansichten zu Lehrfragen; doch darf sich kein Privatmann das Richteramt anmaßen, das Christus, unser Herr, allein demjenigen übertragen hat, den Er mit der Obhut über Seine Lämmer und Seine Schafe betraut hat. Jeder möge sich an die höchst weise Lehre Gregors des Großen erinnern:

„Die Untergebenen sollen ermahnt werden, ihre Prälaten nicht voreilig zu richten, selbst wenn sie diese zufällig in verwerflicher Weise handeln sehen, damit sie nicht, während sie zu Recht das Unrecht tadeln, durch Hochmut zu größerem Unrecht verleitet werden. Sie sollen vor der Gefahr gewarnt werden, sich in kühner Opposition gegen die Oberen zu stellen, deren Unzulänglichkeiten sie vielleicht bemerken. Sollten die Oberen also tatsächlich schwere Sünden begangen haben, so dürfen ihre Untergebenen, von Gottesfurcht durchdrungen, ihnen die ehrerbietige Unterwerfung nicht verweigern. Die Handlungen der Oberen sollen nicht vom Schwert des Wortes getroffen werden, selbst wenn sie zu Recht als tadelnswürdig beurteilt werden.“ [Regula pastoralis, Part 3, cap. 4 (PL 77, 55).]

VI. Lehren, die zu beherzigen sind

Nur ein christliches Leben kann helfen

38 Doch alle Bemühungen werden wenig nützen, wenn unser Leben nicht im Einklang mit der Disziplin der christlichen Tugenden geführt wird. Erinnern wir uns daran, was die Heilige Schrift über das jüdische Volk berichtet: „Solange sie nicht vor ihrem Gott sündigten, ging es ihnen gut; denn ihr Gott hasst die Ungerechtigkeit. Und selbst … als sie von dem Weg abgewichen waren, den Gott ihnen zu gehen gegeben hatte, wurden sie in Schlachten von vielen Völkern vernichtet.“ [Judith 5, 21-22.]

Nun hatte das jüdische Volk eine erste Ähnlichkeit mit dem christlichen Volk, und die Wechselfälle seiner Geschichte in alter Zeit haben oft die kommende Wahrheit vorweggenommen, mit dem Unterschied, dass Gott uns in seiner Güte mit weit größeren Wohltaten bereichert und überhäuft hat; aus diesem Grund sind die Sünden der Christen viel größer und tragen den Stempel einer schändlicheren und verbrecherischeren Undankbarkeit.

Die Kirche ist unzerstörbar; die Völker aber sind es nicht

39. Es steht fest, dass die Kirche zu keiner Zeit und in keiner Hinsicht von Gott verlassen wird; daher gibt es keinen Grund, warum sie sich vor der Bosheit der Menschen fürchten sollte; doch im Falle von Völkern, die von der christlichen Tugend abfallen, gibt es keinen vergleichbaren Grund zur Zuversicht, „denn die Sünde macht die Völker unglücklich“. [Prov. 14, 4.]

Wenn jedes vergangene Zeitalter die Kraft dieser Wahrheit erfahren hat, warum sollte es dann bei unserem nicht so sein? Es gibt in Wahrheit sehr viele Zeichen, die verkünden, dass gerechte Strafen bereits drohen, und der Zustand der modernen Staaten scheint diesen Glauben zu bestätigen, da wir viele von ihnen in einer traurigen Lage aufgrund innerer Unruhen vorfinden und kein einziger davon völlig verschont bleibt.

Sollten jedoch jene, die sich in Bosheit verbündet haben, den Weg, den sie kühn eingeschlagen haben, weiter beschreiten, sollten sie an Einfluss und Macht zunehmen, in dem Maße wie sie mit ihren bösen Absichten und listigen Plänen vorankommen, so besteht Grund zur Furcht, dass die Fundamente, die die Natur für die Staaten gelegt hat, gänzlich zerstört werden.

Auch können solche Befürchtungen nicht durch bloße menschliche Anstrengung beseitigt werden, zumal eine große Zahl von Menschen, die den christlichen Glauben verworfen haben, aus diesem Grund zu Recht die Strafe für ihren Stolz auf sich ziehen, da sie, von ihren Leidenschaften geblendet, vergeblich nach der Wahrheit suchen, das Falsche für das Wahre halten und sich für weise halten, wenn sie „das Böse gut und das Gute böse“ nennen und „die Finsternis an die Stelle des Lichts und das Licht an die Stelle der Finsternis setzen“ [Is. 5, 20]. Es ist daher notwendig, dass Gott zu Hilfe kommt und dass Er, eingedenk Seiner Barmherzigkeit, ein mitfühlendes Auge auf die menschliche Gesellschaft richtet.

40. Daher erneuern Wir die dringende Bitte, die Wir bereits geäußert haben, den Eifer und die Beharrlichkeit zu verdoppeln, wenn wir dem barmherzigen Gott demütige Bitten vorbringen, damit die Tugenden, durch die das christliche Leben vollendet wird, wiederbelebt werden.

Die gegenseitige christliche Liebe ist dringend notwendig

Vor allem aber ist es dringend geboten, dass die Liebe, die das Hauptfundament des christlichen Lebens ist und ohne die die anderen Tugenden nicht existieren oder unfruchtbar bleiben, belebt und bewahrt wird. Deshalb fügt der Apostel Paulus, nachdem er die Kolosser ermahnt hat, alle Laster zu meiden und alle Tugenden zu pflegen, hinzu: „Vor allem aber habt die Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist.“ [Kol. 3: 14.]

Ja, wahrlich, die Liebe ist das Band der Vollkommenheit, denn sie verbindet diejenigen, die sie umfängt, innig mit Gott und bewirkt mit liebevoller Zärtlichkeit, dass sie ihr Leben aus Gott schöpfen, mit Gott handeln und alles auf Gott beziehen. Die Liebe zu Gott darf jedoch nicht von der Liebe zum Nächsten getrennt werden, da die Menschen an der unendlichen Güte Gottes teilhaben und in sich den Abdruck seines Bildes und seiner Ähnlichkeit tragen. „Dieses Gebot haben wir von Gott: Wer Gott liebt, der liebe auch seinen Bruder.“ [1. Joh. 4, 21] „Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott, und seinen Bruder hasst, der ist ein Lügner.“ [1. Joh. 4, 20]

Und dieses Gebot der Nächstenliebe bezeichnete sein göttlicher Verkünder als neu, nicht in dem Sinne, dass ein früheres Gesetz oder gar die Natur selbst den Menschen nicht geboten hätte, einander zu lieben, sondern weil das christliche Gebot, einander auf diese Weise zu lieben, wahrhaft neu und in der Erinnerung der Menschen völlig unbekannt war. Denn jene Liebe, mit der Jesus Christus von seinem Vater geliebt wird und mit der er selbst die Menschen liebt, hat er für seine Jünger und Nachfolger erlangt, damit sie durch die Nächstenliebe in ihm eines Herzens und eines Sinnes seien, so wie er selbst und sein Vater von Natur aus eins sind.

41 Niemandem ist verborgen, wie tief und von Anfang an die Bedeutung dieses Gebots in die Herzen der Christen eingepflanzt wurde und welche reichen Früchte der Eintracht, der gegenseitigen Nächstenliebe, der Frömmigkeit, der Geduld und der Standhaftigkeit es hervorgebracht hat. Warum sollten wir uns also nicht der Nachahmung der Vorbilder unserer Väter widmen? Gerade die Zeiten, in denen wir leben, sollten ausreichende Gründe für die Ausübung der Nächstenliebe bieten.

Da gottlose Menschen darauf aus sind, ihrem Hass gegen Jesus Christus neuen Schwung zu verleihen, sollten die Christen in ihrer Frömmigkeit neu belebt werden; und die Nächstenliebe, die die Quelle edler Taten ist, sollte mit neuem Leben erfüllt werden. Mögen daher alle Zwistigkeiten, falls es welche gibt, gänzlich aufhören; mögen jene Streitigkeiten, die die Kräfte der Kämpfenden verschwenden, ohne dass der Religion daraus ein Vorteil erwächst, in alle Winde zerstreut werden; mögen alle Gemüter im Glauben und alle Herzen in der Nächstenliebe vereint sein, damit das Leben, wie es sich gehört, in der Ausübung der Liebe zu Gott und der Liebe zu den Menschen verbracht werde.

Die Eltern müssen darauf bestehen, dass ihre Kinder christlich erzogen werden

42 Dies ist ein geeigneter Moment, um insbesondere die Familienoberhäupter zu ermahnen, ihren Haushalt nach diesen Grundsätzen zu führen und sich unermüdlich um die richtige Erziehung ihrer Kinder zu bemühen. Die Familie kann als Wiege der bürgerlichen Gesellschaft betrachtet werden, und das Schicksal der Staaten wird in hohem Maße im Kreis des Familienlebens geprägt.

Daher bemühen sich jene, die sich der christlichen Disziplin entziehen wollen, das Familienleben zu verderben und es gänzlich, mit Stumpf und Stiel, zu vernichten. Von einem solch gottlosen Vorhaben lassen sie sich nicht durch den Gedanken abbringen, dass es nicht einmal ansatzweise durchgeführt werden kann, ohne den Eltern grausames Unrecht zuzufügen. Diese haben von Natur aus das Recht, die Kinder zu erziehen, die sie zur Welt gebracht haben, verbunden mit der zusätzlichen Verpflichtung, die Erziehung ihrer Kleinen auf das Ziel auszurichten, für das Gott ihnen das Privileg gewährt hat, das Geschenk des Lebens weiterzugeben.

Es ist daher die Pflicht der Eltern, alle Kräfte zu mobilisieren, um solch ein Unrecht abzuwehren, und sich tapfer darum zu bemühen, die ausschließliche Autorität zu erlangen und zu bewahren, die Erziehung ihrer Nachkommen in christlicher Weise zu lenken, und sie vor allem von Schulen fernzuhalten, wo die Gefahr besteht, dass sie das Gift der Gottlosigkeit in sich aufsaugen. Wenn es um die richtige Erziehung der Jugend geht, kann kein Aufwand und keine Mühe, wie groß sie auch sein mögen, als zu groß angesehen werden, ohne dass noch größere erforderlich werden könnten.

In dieser Hinsicht gibt es in vielen Ländern Katholiken, die allgemeine Bewunderung verdienen, da sie beträchtliche Kosten auf sich nehmen und mit großem Eifer Schulen zur Erziehung der Jugend gründen. Es ist höchst wünschenswert, dass diesem edlen Beispiel großzügig gefolgt wird, wo Zeit und Umstände es erfordern; doch sollten alle zutiefst davon überzeugt sein, dass der Geist der Kinder am stärksten durch die Erziehung beeinflusst wird, die sie zu Hause erhalten. Wenn sie in ihren frühen Jahren innerhalb der Mauern ihres Zuhauses die Regel eines aufrechten Lebens und die Disziplin der christlichen Tugenden vorfinden, wird das künftige Wohlergehen der Gesellschaft in hohem Maße gesichert sein.

43. Nun scheinen Wir jene Punkte angesprochen zu haben, denen Katholiken heutzutage vor allem folgen oder die sie vor allem vermeiden sollten.

VII. Ermahnung an die Bischöfe

Es liegt an euch, verehrte Brüder, Maßnahmen zu ergreifen, damit Unsere Stimme überallhin gelangt und alle verstehen, wie dringend es ist, die in diesem Unserem Schreiben dargelegten Lehren in die Tat umzusetzen. Die Erfüllung dieser Pflichten darf nicht beschwerlich oder lästig sein, denn das Joch Jesu Christi ist sanft und seine Last ist leicht. Sollte jedoch irgendetwas zu schwer zu bewerkstelligen erscheinen, so leistet ihr Hilfe durch die Kraft eures Vorbilds, damit jeder Gläubige sich noch mehr anstrengt und eine Seele zeigt, die sich von Schwierigkeiten nicht bezwingen lässt.

Macht ihnen bewusst – wie Wir selbst schon oft gewarnt haben –, dass es um Angelegenheiten von höchster Bedeutung und aller Ehre geht, für deren Bewahrung jede noch so mühsame Anstrengung bereitwillig auf sich genommen werden sollte; und dass für die Mühen eines christlichen Lebens ein erhabener Lohn bereitliegt.

Andererseits kommt der Verzicht auf den Kampf für Jesus Christus einem Kampf gegen Ihn gleich; Er selbst versichert uns: „Er wird vor Seinem Vater im Himmel diejenigen verleugnen, die sich geweigert haben, Ihn auf Erden zu bekennen.“ [Lk. 9, 26] Was Uns und euch alle betrifft, so werden Wir sicherlich, solange das Leben währt, niemals zulassen, dass es in diesem Kampf an Unserer Autorität, Unseren Ratschlägen und Unserer Fürsorge mangelt. Es steht auch außer Zweifel, dass die besondere Hilfe des großen Gottes, solange der Kampf andauert, sowohl der Herde als auch den Hirten gewährt wird.

Gestützt auf dieses Vertrauen, als Unterpfand himmlischer Gaben und Unserer liebevollen Güte im Herrn an euch, verehrte Brüder, an euren Klerus und an euer ganzes Volk, erteilen Wir den apostolischen Segen.

Gegeben zu St. Peter in Rom, am zehnten Tag des Januars 1890, im zwölften Jahr Unseres Pontifikats.

Papst Leo XIII.

Aus: papal encyclicals – https://www.papalencyclicals.net/leo13/l13sapie.htm

Weitere Enzykliken von Papst Leo XIII. siehe

Enzyklika Cultum Regi Regum Entwurf
Enzyklika Humanum genus Kirche und Freimaurerei

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