Skip to main contentSkip to footer

Enzyklika Divini Redemptoris Teil 1

Papst Pius XI. am Beginn seines Pontifikats

Enzyklika Divini redemptoris – Über den Kommunismus

von Papst Pius XI. v. 19. März 1937

(Offizieller lateinischer Text: AAS XXIX [1937] 66-106)

Inhaltsverzeichnis

Einleitung:

1.Christus, der wahre Erlöser der Menschheit, 168.
2. Die Menschheit angesichts der Gefahr des bolschewistischen und gottesleugnerischen Kommunismus, 169.

I. Verhalten der Kirche gegenüber dem Kommunismus

1. Frühere Verurteilungen, 170.
2. Kundgebungen unter dem Pontifikat Pius XI., 171.
3. Notwendigkeit einer neuen, feierlichen Lehrschrift, 172.
4. Einteilung der Lehrschrift, 173.

II. Der heutigen Kommunismus

1. Grundsätze – Gesamturteil

a) Neuer Erlösungsgedanke als Triebkraft der Bewegung, 174.
b) Quelle der Lehre: die materialistische Entwicklungslehre von Marx, 175.
c) Über den Menschen, 176.
d) Über die Familie, 177.
e) Über die Gesellschaft, 178.
f) Gesamturteil, 179.

2. Ausbreitung: Gründe und Methoden

a) Blendende Verheißungen einer undurchsichtigen Bewegung, 180.
b) Der Liberalismus hat den günstigen Boden bereitet, 181.
c) Schlaue und mächtige Propaganda, 182.
d) Schweigeverschwörung der Presse, 183.

3. Bedauerliche Wirkungen

a) In Russland und Mexiko, wo er sich voll auswirkt, 184.
b) In Spanien, wo er noch nicht voll sich auswirkte, 185.
c) Barbarei als natürliche Frucht, 186.
d) Kämpfende Gottlosigkeit, 187.
e) Notwendigkeit der Schreckensherrschaft, 188.

4. Verurteilung des Kommunismus, aber Liebe zu den Völkern Russlands, 189.

III. Lehre der Kirche über die menschliche Gesellschaft

1. Die Kirche, Lehrerin der Völker, 190.
2. Über Gott, als höchste Wirklichkeit, 191.
3. Über den Menschen, 192.
4. Über Ehe und Familie, 193.
5. Über die Gesellschaft, 194.

a) Gegenseitige Rechte und Pflichten zwischen Mensch und Gesellschaft, 194.
b) Wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung, 195.
c) Gesellschaftliche Über- und Unterordnung, 196.
d) Begriff des Staates, 197.

6. Ziel dieser Lehre: Ehre Gottes – Friede und Glück der Menschen, 198.
7. Weisheit und Nutzen der kirchlichen Lehre, 199.
8. Das Handeln der Kirche war im Einklang mit ihrer Lehre, 200-202.

Enzyklika Divini redemptoris – Teil 1 Grundsätze des Kommunismus

Einleitung: Christus, der wahre Erlöser der Menschheit

168. Die Verheißung eines Erlösers erstrahlt auf der ersten Seite der Geschichte der Menschheit, und so milderte die zuversichtliche Hoffnung auf bessere Zeiten die Trauer über das verlorene Paradies. Diese Hoffnung begleitete das menschliche Geschlecht auf seinem dornenvollen Wege, bis in der Fülle der Zeiten der Erlöser der Welt erschien und jene Erwartung erfüllte. Durch ihn wurde eine neue universale Kultur begründet, die christliche Kultur, unvergleichlich höher als jene, die der Mensch bis dahin mit Mühe und nur in einigen wenigen bevorzugten Nationen erreicht hatte.

Die Menschheit angesichts der Gefahr des bolschewistischen und gottesleugnerischen Kommunismus

169 Aber der Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen blieb in der Welt als traurige Folge der Erbschuld, und der alte Versucher hat niemals aufgehört, die Menschheit mit seinen trügerischen Verheißungen zu verlocken. So ist im Lauf der Jahrhunderte eine Umwälzung auf die andere gefolgt, bis auf die Revolution unserer Tage, die sozusagen überall bereits tobt oder doch ernsthaft drohend vor uns steht, an Ausmaß und Heftigkeit überbietend, was früher an Kirchenverfolgungen erlebt wurde. Ganze Völker Gefahr, in eine noch grauenvollere Unkultur zurückzusinken als jene war, die noch über dem größeren Teil des Erdkreises lag, da der Erlöser erschien.

Wir sprechen, wie Ihr, Ehrwürdige Brüder, schon erraten habt, vom bolschewistischen und atheistischen Kommunismus, der die Welt furchtbar bedroht und darauf ausgeht, die soziale Ordnung umzustürzen und die Fundamente der christlichen Kultur zu untergraben.

I. Verhalten der Kirche gegenüber dem Kommunismus

Frühere Verurteilungen

170. Angesichts einer solchen Bedrohung konnte und kann die katholische Kirche nicht schweigen. Nicht schwieg insbesondere der Apostolische Stuhl, der es als seine eigenste Sendung betrachtet, die Wahrheit und die Gerechtigkeit und all jene ewigen Güter zu verteidigen, die der Kommunismus verkennt und bekämpft. Schon seit den Tagen, als gebildete Kreise die menschliche Kultur von den Bindungen der Moral und der Religion zu lösen versuchten, haben Unsere Vorgänger offen und ausdrücklich die Aufmerksamkeit der Welt auf die Folgen der Entchristlichung der Menschheit hingelenkt.

Was insbesondere den Kommunismus betrifft, so hat schon im Jahre 1846 Unser ehrwürdiger Vorgänger Pius IX. seligen Angedenkens dessen feierliche Verurteilung ausgesprochen und später im Syllabus bestätigt. Er verwirft „die verdammenswerte Lehre des sogenannten Kommunismus, die im höchsten Grade dem Naturrecht entgegengesetzt ist und die, einmal zur Herrschaft gelangt, zu einem radikalen Umsturz der Rechte, der Lebensverhältnisse und des Eigentums aller, ja der menschlichen Gesellschaft selber führen muss“ [Enzyklika Qui pluribus, 9. Nov. 1846 (Acta Pii IX, vol. 1, p. 13). Cf. Syllabus, § IV].

Späterhin hat ein anderer Unserer Vorgänger, Leo XIII. unsterblichen Andenkens, in seinem Rundschreiben „Quod apostolici muneris“ jenen Kommunismus bezeichnet als „verheerende Seuche, die das Mark der menschlichen Gesellschaft auffrisst und sie völlig zersetzt“. Mit klarem Blick hat der gleiche Papst darauf hingewiesen, dass die atheistischen Massenbewegungen des technischen Zeitalters auf jene Philosophie zurückgehen, die schon seit Jahrhunderten Wissenschaft und Leben von Glaube und Kirche zu trennen versucht hatte.

Kundgebungen unter dem Pontifikat Pius XI.

171. Auch Wir selber haben in Unserem Pontifikat oftmals eindringlich und nachhaltig auf die bedrohlich anwachsenden atheistischen Strömungen aufmerksam gemacht. Als Unsere Hilfsmission im Jahre 1924 aus der Sowjetunion zurückkehrte, haben Wir uns in einer eigenen Allokution an die ganze Welt gegen den Kommunismus ausgesprochen. In Unseren Rundschreiben „Miserentissimus Redemptor“, „Quadragesimo anno“, „Caritate Christi“, „Acerba animi“, „Dilectissima Nobis“, haben wir feierlichen Protest erhoben gegen die Verfolgungen, wie sie in Russland, in Mexiko, in Spanien ausgebrochen waren.

Noch ist das Echo von überall her auf jene Ansprachen nicht verhallt, die Wir bei der Eröffnung der Weltausstellung der katholischen Presse, beim Empfang der spanischen Flüchtlinge und in Unserer Weihnachtsbotschaft gehalten haben. Ja, sogar die verbissensten Feinde der Kirche selber, die von Moskau aus diesen Kampf gegen die christliche Kultur leisten, bezeugen durch ihre ständigen Angriffe in Wort und Tat, dass das Papsttum auch in unseren Tagen treu die Wache am Heiligtum der christlichen Religion gehalten, und dass es öfter und überzeugender als irgend eine öffentliche Autorität auf Erden der Menschen Aufmerksamkeit auf die kommunistische Gefahr gerichtet hat.

Notwendigkeit einer neuen, feierlichen Lehrschrift

172. Ungeachtet dieser wiederholten väterlichen Mahnungen, die Ihr, Ehrwürdige Brüder, zu Unserer großen Freude in Euren jüngsten Hirtenbriefen, auch den gemeinsamen, den Gläubigen so getreulich vermittelt und erklärt habt, wächst die Gefahr dennoch bei der unermüdlichen Wühlarbeit geschickter und skrupelloser Agitatoren von Tag zu Tag. So halten Wir es denn für Unsere Pflicht, von neuem Unsere Stimme zu erheben und ein noch feierlicheres Dokument nach dem Brauch dieses Heiligen Stuhles, des Lehrstuhles der Wahrheit, zu veröffentlichen, wie es übrigens selbstverständlich erscheint angesichts des Verlangens des gesamten katholischen Erdkreises nach einem solchen Dokument.

Wir hegen dabei das Vertrauen, dass das Echo Unserer Stimme überall da vernommen werde, wo man noch frei ist von Vorurteilen und aufrichtig besorgt für das Wohl der Menschheit. Das um so mehr, als Unser Wort, so schmerzlich diese Feststellung ist, eine eindrucksvolle Bestätigung erhält durch den Anblick der bitteren Früchte, die inzwischen aus den Ideen des Umsturzes hervorgegangen sind, die Wir vorausgesehen und vorausverkündet haben, die sich beängstigend mehren, sei es in den Ländern, die bereits von der Seuche beherrscht sind, sei es in allen anderen des gesamten Erdkreises, die davon bedroht sind.

Einteilung der Lehrschrift

173. Wir wollen also noch einmal in einer kurzen Zusammenfassung die Grundsätze des atheistischen Kommunismus darlegen, samt den Methoden seiner Aktion, wie sie sich vor allem im Bolschewismus offenbaren. Wir wollen dann diesen falschen Grundsätzen die lichtvolle Lehre der Kirche gegenüberstellen und noch einmal mit allem Nachdruck die Mittel anempfehlen, mit denen die christliche Kultur, die einzig wahre „Civitas humana“, von dieser satanischen Geißel befreit und immer kräftiger entfaltet werden kann – dies alles zum wahren Wohle der menschlichen Gesellschaft.

II. Der heutige Kommunismus

Neuer Erlösungsgedanke als Triebkraft der Bewegung

174. Der heutige Kommunismus birgt in einem höheren Maße, als es bei anderen ähnlichen Bewegungen der Vergangenheit der Fall war, eine falsche Erlösungsidee in sich. Ein falsches Ideal von Gerechtigkeit, Gleichheit und Brüderlichkeit in der Arbeit durchglüht seine gesamte Lehre und Tätigkeit mit einem gewissen Mystizismus, der die mit trügerischen Versprechungen gewonnenen Massen in den suggestiv um sich greifenden Enthusiasmus einer mitreißenden Bewegung versetzt. Das konnte in unserer Zeit um so leichter geschehen, da sie infolge einer fehlerhaften Verteilung der Güter dieser Welt von einem außergewöhnlichen Elend heimgesucht wird.

Es rühmt sich auch dieses falsche Ideal, der Anreger eines gewissen wirtschaftlichen Fortschritts gewesen zu sein, der sich in Wahrheit, soweit er echt ist, aus ganz anderen Ursachen herleiten läßt, wie zum Beispiel aus der Steigerung der industriellen Produktion in Ländern, die in dieser Hinsicht wenig entwickelt waren, oder aus der Ausbeutung eines ungeheuren Reichtums an Bodenschätzen, oder auch aus der Anwendung von brutalen Arbeitsmethoden zur Erreichung von Riesenleistungen bei herabgedrückten Löhnen.

Quelle der Lehre: die materialistische Entwicklungslehre von Marx

175. Die Lehre, die der Kommunismus oft genug unter täuschenden Hüllen verbirgt, steht im wesentlichen noch heute auf den von Marx verkündeten Grundsätzen des sogenannten dialektischen Materialismus und des historischen Materialismus, dessen allein richtige Auslegung die Theoretiker des Bolschewismus zu vertreten glauben.

Nach dieser Lehre gibt es nur eine einzige ursprüngliche Wirklichkeit, nämlich die Materie mit ihren blinden Kräften, aus denen sich Pflanze, Tier und Mensch entwickelt haben. Auch die menschliche Gesellschaft ist darnach nichts anderes als eine Erscheinungsform dieser Materie, die sich in der angedeuteten Weise entwickelt und mit unausweichlicher Notwendigkeit in einem ständigen Kampf der Kräfte dem endgültigen Ausgleich zustrebt: der klassenlosen Gesellschaft.

Es leuchtet ein, dass in einem solchen System kein Platz mehr für die Idee Gottes, dass kein Unterschied mehr besteht zwischen Geist und Stoff, zwischen Leib und Seele, dass es kein Fortleben der Seele nach dem Tode mehr gibt, und darum auch keine Hoffnung auf ein anderes Leben. Unter Berufung auf die dialektische Seite ihres Materialismus behaupten die Kommunisten, dass der Kampf, der die Welt zum letzten Ausgleich führt, durch den Menschen beschleunigt werden kann.

Darum bemühen sie sich, die Klassengegensätze in der Gesellschaft zu verschärfen, und so wird der Klassenkampf mit all seiner Gehässigkeit und seiner Zerstörungswut zu einer Art Kreuzzug im Dienste des Fortschrittes der Menschheit. Alle Mächte aber, wer immer sie seien, die sich diesen systematisch geübten Gewalttätigkeiten widersetzen, müssen vernichtet werden als Feinde des Menschengeschlechtes.

Über den Menschen

176. Des weiteren beraubt der Kommunismus den Menschen seiner Freiheit, der geistigen Grundlage seiner moralischen Lebensführung; der Persönlichkeit des Menschen nimmt er jede Würde und jeden moralischen Halt im Aufruhr blinder Instinkte. Was das Verhältnis des Einzelmenschen zur Gemeinschaft angeht, so anerkennt er keinerlei naturgegebene Rechte der menschlichen Persönlichkeit, dass sie nach ihm nichts anderes ist als ein einfaches Rad im Gefüge einer Maschine.

In den Beziehungen der Menschen untereinander proklamiert er das Prinzip der absoluten Gleichheit unter Leugnung einer jeglichen Überordnung und einer jeglichen Autorität, die etwa von Gott begründet wäre, einschließlich der elterlichen; was immer aber unter Menschen an sogenannter Autorität und Unterordnung vorhanden ist, leitet sich ausschließlich aus der Gemeinschaft ab als seiner einzigen Quelle.

Es gibt in diesem System für den einzelnen keinerlei Eigentumsrecht mehr, weder an den Schätzen der Natur noch an den Mitteln der Produktion, da ein solches zum Erwerb weiterer Güter führen müsste und damit zur Macht des einen Menschen über den anderen. Gerade deswegen muss diese Form des Privateigentums radikal ausgerottet werden, ist es doch Anfang und Quelle einer jeglichen wirtschaftlichen Versklavung.

Über die Familie

177 Für eine Lehre, die auf solche Weise dem menschlichen Leben jede Weihe und Geistigkeit nimmt, sind folgerichtig Ehe und Familie eine rein willkürliche und bürgerliche Einrichtung, oder auch das Ergebnis einer bestimmten wirtschaftlichen Entwicklung; man leugnet die Existenz des Ehebandes mit rechtlich-sittlicher Verpflichtung, die dem Belieben der einzelnen oder der Gesellschaft entzogen wäre und folgerichtig auch seine Unauflöslichkeit.

Insbesondere gibt es für den Kommunismus keinerlei Bindung der Frau an Familie und Heim. Er proklamiert das Prinzip der Emanzipation der Frau, entreißt sie dem häuslichen Leben und der Sorge für ihre Kinder, zieht sie vielmehr in die Öffentlichkeit und in die kollektive Produktion in gleichem Maße wie den Mann und wälzt die Sorge für das Hauswesen und das Kind auf die Gesellschaft ab. Schließlich hat man das Recht der Erziehung den Eltern genommen und es zu einem ausschließlichen Recht der Gemeinschaft gemacht, in deren Namen und Auftrag allein es von den Eltern ausgeübt werden darf.

Über die Gesellschaft

178. Was müsste aus der menschlichen Gesellschaft werden, wollte man sie aufbauen auf solch materialistischer Grundlage? Sie würde ein Kollektivwesen, einzig gegliedert nach den Erfordernissen des wirtschaftlichen Systems. Ihre alleinige Aufgabe bestünde in der Produktion von Gütern auf dem Wege der Kollektivarbeit und mit dem Ziel des Genusses der Erdengüter in einem Paradies, in dem ein jeder „gäbe nach seiner Kraft und empfinge nach seinem Bedarf“.

Der Gemeinschaft räumt der Kommunismus das Recht ein oder vielmehr die unbeschränkte Vollmacht, die Einzelmenschen in das Joch der Kollektivarbeit zu zwingen, ohne Rücksicht auf ihr persönliches Wohlergehen, ja gegen ihren eigenen Willen und sogar bis zur Anwendung von Gewalt.

Die sittliche und die rechtliche Ordnung wäre nichts anderes, als ein Ausfluss des jeweiligen wirtschaftlichen Systems, also rein irdischen Ursprungs, veränderlich und hinfällig. Kurz, man unterfängt sich, eine neue Epoche und eine neue Zivilisation heraufzuführen, die Frucht einer blinden Entwicklung: „eine Menschheit ohne Gott“.

Wenn dann endlich alle einmal zu echten Kollektivmenschen geworden sind, wird in dieser utopischen Gesellschaft ohne Klassenunterschiede der politische Staat, der heute nur ein Machtmittel in der Hand der Kapitalisten zur Knechtung der Proletarier ist, die Voraussetzung seiner Existenz verlieren und „sich auflösen“; inzwischen freilich, solange dieser glückliche Zustand noch nicht erreicht ist, sind Staat und staatliche Gewalt für den Kommunismus das wirksamste und universellste Mittel, um an sein Ziel zu kommen.

Gesamturteil

179. Das, Ehrwürdige Brüder, ist das neue Evangelium, das der bolschewistische und atheistische Kommunismus als Heilsbotschaft und Erlösung der Menschheit bietet! Ein System voll von Irrtum und Trugschlüssen, das ebenso der gesunden Vernunft wie der göttlichen Offenbarung widerspricht. Es ist Umsturz jeder gesellschaftlichen Ordnung, weil Vernichtung ihrer letzten Grundlagen! Es ist Verkennung des wahren Ursprungs, der Natur und des Zweckes des Staates! Es ist Entrechtung, Entwürdigung und Versklavung der menschlichen Persönlichkeit!

Ausbreitung: Gründe und Methoden

Blendende Verheißungen einer undurchsichtigen Bewegung

180. Wie aber war es möglich, dass ein System, das wissenschaftlich schon lange überholt und durch die tatsächliche Entwicklung widerlegt ist, wie war es nur möglich, so fragen Wir, dass ein solches System sich unheimlich schnell über alle Länder der Welt hin verbreiten konnte?

Die Erklärung dafür ist der Umstand, dass nur wenige die wahre Natur des Kommunismus völlig durchschaut haben; die meisten erliegen so der Versuchung, die mit schillernden Augen an sie herantritt. Unter dem Vorgeben, man wolle nur das Los der arbeitenden Klasse verbessern, die wirklichen Missbräuche der liberalen Wirtschaftsführung beseitigen und zu einem besseren Ausgleich der Besitzverhältnisse auf Erden gelangen (Ziele, die zweifellos ihre volle Berechtigung haben), unter Ausnutzung ferner der Wirtschaftskrise gelingt es, auch solche Kreise der Bevölkerung in die Einflusssphäre des Kommunismus zu ziehen, die grundsätzlich jeden Materialismus und jeden Terror ablehnen.

Wie jeder Irrtum immer auch ein Korn Wahrheit enthält, so verführt eben dieses von Uns bezeichnete Stück Wahrheit, das man geschickt zur rechten Zeit und am günstigen Ort in den Vordergrund rückt, um die abstoßende und unmenschliche Grausamkeit der Grundsätze und der Methoden des bolschewikischen Kommunismus zu verbergen, auch mehr als gewöhnlich begabte Menschen und macht sie ihrerseits zu Aposteln unter der jungen Intelligenz, die noch zu wenig imstande ist, tiefer liegende Irrtümer wahrzunehmen.

Obendrein wissen die Bannerträger des Kommunismus aus den Grundsätzen zwischen den Rassen und den verschiedenen einander bekämpfenden politischen Systemen ihren Nutzen zu ziehen, ja sogar die Ratlosigkeit einer Wissenschaft ohne Gott für sich auszubeuten, um auf den Universitäten sich einzunisten und die Grundsätze ihres Systems mit Scheinargumenten zu stützen.

Der Liberalismus hat den günstigen Boden bereitet

181. Um erklären zu können, wie es dem Kommunismus gelang, sich bei sehr großen Arbeitermassen durchaus prüfungslos durchzusetzen, hat man im Auge zu behalten, dass diese darauf durch die Vernachlässigung ihres religiös-sittlichen Lebens unter den Forderungen der liberalen Wirtschaft bereits vorbereitet waren: mit den Arbeitsschichten auch an Sonntagen ließ man ihnen nicht einmal zur Erfüllung der schwersten religiösen Pflichten an Sonn- und Festtagen Zeit. Man dachte nicht daran, in der Nähe der Arbeitsstätten Kirchen zu bauen, oder die Arbeit des Seelsorgers zu erleichtern.

Ja, man fuhr sogar fort, den Laizismus zu fördern und zu pflegen. Heute sieht man die Früchte jener Irrtümer reifen, die von Unsern Vorgängern und von Uns selbst oft genug gekennzeichnet wurden, und man darf sich nicht wundern, dass in einer Welt, die schon weithin dem Christentum entfremdet worden ist, die kommunistische Irrlehre um sich greift.

Schlaue und mächtige Propaganda

182. Ferner erklärt sich die rasche Verbreitung der kommunistischen Ideen, die in alle Länder dringen, die großen und die kleinen, die hochkultivierten und die weniger entwickelten, so dass kein Winkel dieser Erde mehr davon frei ist, aus einer wahrhaft dämonischen Propaganda, wie sie die Welt vielleicht bis heute noch nicht gesehen hat, einer Propaganda, die von einem einzigen Zentrum geleitet und äußerst geschickt den Lebensbedingungen der verschiedenen Völker angepasst ist,

einer Propaganda, die mit großen Geldmitteln arbeitet, mit Riesenorganisationen, mit internationalen Kongressen, mit zahllosen gut geschulten Kräften, einer Propaganda, die mit Flugblättern wirbt und Zeitschriften, in Lichtspielen, in Theatern, mit dem Radio, in den Schulen, an den Universitäten sogar, und die nach und nach alle Kreise der Bevölkerung erfasst, auch die bessern, ohne dass sie das Gift auch nur gewahr werden, das nach und nach in ihren Geist und in ihr Herz eindringt.

Schweigeverschwörung der Presse

183. Ein weiteres mächtiges Hilfsmittel zur Verbreitung des Kommunismus ist ein wahres Komplott des Schweigens bei einem Großteil der nichtkatholischen Weltpresse. Wir sprechen von einem Komplott, denn anders lässt es sich nicht erklären, dass eine Presse, die so darauf aus ist, auch geringfügige Tagesereignisse vor ihr Publikum zu bringen, es über sich gebracht hat, über die Verbrechen, die in Russland, in Mexiko und in einem großen Teile Spaniens begangen worden sind, so lange zu schweigen und relativ so wenig über eine derartig ausgedehnte Weltorganisation, wie es der Kommunismus von Moskau ist, zu berichten. Dieses Schweigen ist zum Teil politischer Kurzsichtigkeit zuzuschreiben, es wird auch von verschiedenen geheimen Mächten begünstigt, die schon lange darauf ausgehen, die christliche Sozialordnung zu zerstören.

Bedauerliche Wirkungen

In Russland und Mexiko, wo er sich voll auswirkt

184. Inzwischen haben Wir die traurigen Wirkungen dieser Propaganda vor Unseren Augen. Wo der Kommunismus die Möglichkeit hatte, sich festzusetzen und seine Herrschaft aufzurichten – Wir denken hier mit besonderer väterlicher Teilnahme an die Völker in Russland und Mexiko -, da hat er sich (nach seinem eigenen Geständnis) mit allen Mitteln bemüht, die christliche Kultur und Religion radikal zu zerstören und jede Erinnerung daran auch in den Herzen der Menschen, insbesondere der Jugend, auszulöschen. Er hat Bischöfe und Priester des Landes verwiesen, zu Zwangsarbeit verurteilt, erschossen, auf unmenschliche Weise ums Leben gebracht; er hat schlichte Laien, weil sie sich für die Religion eingesetzt hatten, verdächtigt, bedrückt, verfolgt, in die Gefängnisse und vor den Richter geschleppt.

In Spanien, wo er noch nicht voll sich auswirkte

185. Auch da, wo die Geißel des Kommunismus noch nicht Zeit gefunden hat, sich voll auszuwirken, wie in Unserem heiß geliebten Spanien, ist er wie zum Entgelt leider mit einer noch roheren Gewalttätigkeit aufgetreten. Man hat nicht bloß diese oder jene Kirche, dieses oder jenes Kloster zerstört, sondern womöglich jede Kirche und jedes Kloster, jegliche Spur der christlichen Religion, auch wo es um hervorragende Denkmäler der Kunst und der Wissenschaft ging!

Die kommunistische Vernichtungswut hat sich nicht darauf beschränkt, Bischöfe zu morden und Tausende von Priestern, von Ordensmännern und Klosterfrauen, immer vor allem nach jenen spürend, die sich besonderem Eifer der Arbeiter und der Armen angenommen haben; nein, er hat in noch viel größerer Zahl Laien aus allen Stünden zu seinen Opfern gemacht, hat sie hingeschlachtet in Scharen bis in die gegenwärtige Zeit hinein, ja man kann sagen Tag für Tag, und das einzig aus dem Grunde, weil sie gute Christen waren, oder doch wenigstens Feinde des kommunistischen Atheismus.

Und dieses grausige Zerstörungswerk ist mit einem Hass ausgeführt worden, einer Barbarei und einer Grausamkeit, wie man sie in unserm Jahrhundert vorher nicht für möglich gehalten hätte. –

Es kann keinen klugen Privatmann mehr geben, keinen Staatsmann, wenn er sich nur seiner Verantwortung bewußt ist, der nicht schaudern müsste bei dem Gedanken, es könnte das, was heute in Spanien geschieht, sich vielleicht morgen in anderen zivilisierten Nationen wiederholen.

Barbarei als natürliche Frucht

186. Man kann nämlich nicht sagen, es seien jene wüsten Ausschreitungen etwa nur eine vorübergehende Erscheinung, wie sie große Revolutionen zu begleiten pflegen, vereinzelte Ausbrüche der Erbitterung, die in jedem Krieg vorkommen. Nein, es handelt sich um die naturgemäßen Früchte eines Systems, dem jegliche innere Zügelung fehlt. Zügelung ist notwendig für den Einzelnen, notwendig auch für die Gesamtheit. Auch die unkultivierten Völker besaßen sie in jenem Naturgesetz, das Gott in das Herz eines jeden Menschen eingeprägt hat.

Wo man dieses Naturgesetz wirklich beobachtet hat, da sah man auch die Nationen des Altertums zu einer Größe emporsteigen, die noch heute, mehr als eigentlich recht ist, gewisse leicht zu begeisternde Geschichtsforscher in Erstaunen setzt. Wenn man aber die Gottesidee selber aus dem Herzen der Menschen reißt, dann werden sie notwendig von ihren Leidenschaften zur grausamsten Barbarei getrieben.

Kämpfende Gottlosigkeit

187. Das ist es gerade, was wir heute leider erleben: Zum ersten Mal in der Geschichte sind wir Zeugen eines kalt geplanten und genau vorbereiteten Kampfes des Menschen gegen „alles, was göttlich ist“ [Vgl. 2. Thess 2,4]. Der Kommunismus ist seiner Natur nach antireligiös und betrachtet die Religion als „Opium für das Volk“, weil angeblich die religiöse Lehre von einem Leben jenseits des Grabes den Proletarier ablenkt von seinem Einsatz für das Sowjetparadies, das von dieser Erde ist.

Notwendigkeit der Schreckensherrschaft

188. Aber man widersteht nicht ungestraft in trotzigem Hass dem Naturgesetz und seinem Urheber. Der Kommunismus hat es nicht einmal fertig gebracht, sein Ziel auf rein wirtschaftlichem Gebiet zu erreichen und wird das auch nicht fertig bringen.

Ist es auch wahr, dass er in Russland mitgewirkt hat, Menschen und Dinge aus einer jahrhundertelangen Ruhe aufzurütteln und mit allen möglichen, oft skrupellos angewandten Mitteln einen gewissen Fortschritt auf materiellem Gebiet zu erzielen, so wissen Wir doch aus unverdächtigen Zeugnissen, auch aus der neuesten Zeit noch, dass er tatsächlich auch nicht einmal hier sein Ziel den gemachten Versprechungen gemäß erfüllen konnte, trotz der Sklaverei, in die der Terrorismus Millionen von Menschen gezwungen hat. Auch auf dem Gebiet der Wirtschaft bedarf es des sittlichen Verantwortungsbewusstseins, das jedoch in einem rein materialistischen System, wie der Kommunismus es ist, keinen Raum hat.

Als Ersatz dafür bleibt nur der Terrorismus, gerade wie wir in Russland sehen, wo die alten Genossen gemeinsamer Verschwörungen und Kämpfe einander gegenseitig umbringen; ein Terrorismus, der nicht einmal den Verfall der Sitten, geschweige denn die Auflösung des sozialen Gefüges aufzuhalten vermag.

Verurteilung des Kommunismus, aber Liebe zur den Völkern Russlands

189. Damit wollen Wir jedoch in keiner Weise die Völker der Sowjetunion in ihrer Gesamtheit verurteilen, empfinden Wir doch ihnen gegenüber die innigste väterliche Liebe. Wir wissen, wie viele von ihnen unter dem harten Joch seufzen, das ihnen gewaltsam von Menschen auferlegt wurde, denen es größtenteils nicht um das wahre Wohl des Landes zu tun ist. Wir begreifen auch, dass viele sich durch trügerische Hoffnungen haben täuschen lassen. Wir klagen das System an, seine Urheber und seine Förderer, die Russland für das am besten geeignete Land hielten, dort ein seit Jahrzehnten ausgedachtes System praktisch anzuwenden, und die es von da aus unermüdlich in der ganzen Welt verbreiten.

III. Lehre der Kirche über die menschliche Gesellschaft

Die Kirche, Lehrerin der Völker

190. Nachdem Wir nun die Irrtümer, die gewaltsamen und hinterhältigen Methoden des bolschewistischen und atheistischen Kommunismus dargelegt haben, Ehrwürdige Brüder, ist es an der Zeit, ihnen kurz den wahren Begriff der Civitas humana, der menschlichen Gesellschaft, gegenüberzustellen, wie er von der Vernunft und vom Glauben durch die Kirche, die Magistra gentium gelehrt wird, und wie Ihr ihn schon kennt.

Über Gott, als höchste Wirklichkeit

191. Über allem wirklichen Sein steht das höchste, einzig erhabene Sein: Gott, der allmächtige Schöpfer aller Dinge, der weiseste und gerechteste Richter aller Menschen. Dieses erhabenste Wesen, Gott, ist die unbedingte, unwiderrufliche Verwerfung der schamlosen Lügen des Kommunismus. Wahrlich, nicht weil Menschen es glauben, ist Gott; sondern weil er existiert, darum glauben und beten alle, die nicht mit Wissen und Willen ihr Auge vor der Wahrheit verschließen.

Über den Menschen

192. Was Vernunft und Glaube über den Menschen sagen, haben Wir in Unserem Rundschreiben über die christliche Erziehung in den wesentlichen Zügen dargelegt [10]. Dem Menschen ist eine geistige und unsterbliche Seele zu eigen. Er ist Persönlichkeit, vom Schöpfer selber wunderbar mit Gaben des Körpers und des Geistes ausgestattet. Er ist ein wahrer „Mikrokosmos“, wie die Alten sagten, eine kleine Welt für sich, die an Wert die ungeheure unbelebte Welt weit übertrifft. Sein letztes Ziel hier und drüben ist allein Gott. Er ist durch die heiligmachende Gnade erhoben in den Stand der Gotteskindschaft und dem Gottesreich im mystischen Leibe Christi eingegliedert.

Folgerichtig hat ihn Gott mit vielen und mannigfaltigen Vorrechten ausgestattet: dem Recht auf das Leben, auf die Unverletzlichkeit des Körpers, auf die zum Leben notwendigen Mittel; dem Recht, dem letzten Ziele auf dem von Gott vorgezeichneten Wege zuzustreben: dem Recht auf Zusammenschluss, Eigentum und Gebrauch des Eigentums.

Über Ehe und Familie

193. Die Ehe und das Recht auf ihren natürlichen Gebrauch sind göttlichen Ursprungs, ebenso wie auch die Einrichtung und die Grundrechte der Familie vom Schöpfer selbst bestimmt und festgelegt sind, nicht aber durch menschliche Willkür und nicht durch wirtschaftliche Faktoren. In dem Rundschreiben über die christliche Ehe [Enzyklika Casti connubii] und in dem bereits erwähnten über die christliche Erziehung haben Wir eingehend darüber gesprochen.

Über die Gesellschaft

Gegenseitige Rechte und Pflichten zwischen Mensch und Gesellschaft

194. Gott hat aber den Menschen auch auf die bürgerliche Gesellschaft hingeordnet als auf eine Forderung seiner Natur. Im Plan des Schöpfers ist die Gesellschaft ein natürliches Mittel, dessen sich der Mensch zur Erreichung seines Zieles bedienen kann und soll; denn die menschliche Gesellschaft ist für den Menschen da und nicht umgekehrt.

Das soll freilich nicht im Sinne des individualistischen Liberalismus verstanden werden, der die Gesellschaft dem einzelnen zur egoistischen Ausnutzung unterordnet, sondern einzig in dem Sinne, dass einmal durch den organischen Zusammenschluss zur Gesellschaft allen durch die wechselseitige Zusammenarbeit die Möglichkeit gegeben werde, ihr wahres irdisches Glück zu wirken; darüber hinaus aber auch, damit in der Gesellschaft die Gesamtheit der in der Menschennatur niedergelegten individuellen und sozialen Anlagen zur Entfaltung komme und über das unmittelbare Nützliche hinaus an göttlicher Vollkommenheit abbildlich zur Darstellung gelange, was in einem Einzelwesen überhaupt nicht verwirklicht werden kann.

Aber auch dieses Letzte ist wieder schließlich nur um des Menschen willen“ damit durch ihn dieser Abglanz göttlicher Vollkommenheit erkannt und in Lob und Anbetung auf den Schöpfer zurück bezogen werden kann. Nur der Mensch, die menschliche Persönlichkeit, nicht irgendeine menschliche Gesellschaft ist Träger von Verstand und freiem sittlichen Willen.
Darum kann der einzelne sich niemals den gottgewollten Verpflichtungen der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber entziehen, und die Träger der Autorität haben das Recht, ihn im widerrechtlichen Weigerungsfall zur Erfüllung seiner Pflicht zu zwingen. Ebensowenig kann aber die Gesellschaft jemals den Einzelmenschen der ihm vom Schöpfer selbst verliehenen Persönlichkeitsrechte, deren hauptsächlichste Wir namhaft gemacht haben, berauben, noch ihm deren Gebrauch grundsätzlich unmöglich machen.

Darum ist es vernunftgemäß und von der Vernunft gefordert, dass letztlich auf die menschliche Persönlichkeit alles Irdische hingeordnet werde, damit es durch sie seine Rückbeziehung auf den Schöpfer finde. Auch auf den Menschen, die menschliche Persönlichkeit, kann man anwenden, was der Völkerapostel über die christliche Heilsökonomie an die Korinther schreibt: „Alles ist euer, ihr aber seid Christi; Christus ist Gottes.“ [1. Kor 3, 23]

So tief der Kommunismus die menschliche Persönlichkeit durch die Umkehr der Begriffe in den Beziehungen zwischen Mensch und Gesellschaft erniedrigt, so hoch wird sie durch die Vernunft und durch die Offenbarung erhoben!

Wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung

195. Über die wirtschaftlich-soziale Ordnung sind die leitenden Grundsätze in dem sozialen Rundschreiben Leos XIII. über die Arbeiterfrage [Enzyklika Rerum novarum] niedergelegt und in Unserm eigenen über die Neugestaltung der sozialen Ordnung [Enzyklika Quadragesimo anno] den Erfordernissen der Gegenwart angepasst. Wir haben von neuem die alt hergebrachte Lehre der Kirche über den individuellen und sozialen Charakter des Privateigentums betont und dann Recht und Würde der Arbeit genauer umschrieben, ebenso die gegenseitige Stütze und Hilfe, wie sie zwischen den Vertretern des Kapitals und den Arbeitnehmern obwalten sollen, endlich den Lohn, den man nach strenger Gerechtigkeit dem Arbeiter für sich und seine Familie schuldet.

Gesellschaftliche Über- und Unterordnung

196. In der gleichen Enzyklika haben Wir gezeigt, dass die Rettung der heutigen Welt aus dem traurigen Zusammenbruch infolge eines moralisch hemmungslosen Liberalismus, nicht im Klassenkampf und im Terror liegt, viel weniger noch im selbstherrlichen Missbrauch der staatlichen Gewalt, sondern in der Durchdringung der wirtschaftlichen und der sozialen Ordnung mit dem Geiste der sozialen Gerechtigkeit und der christlichen Liebe.

Wir haben gezeigt, wie gesunde Verhältnisse wiederhergestellt werden müssen nach den wahren Prinzipien einer vernünftigen ständischen Gliederung, unter Wahrung der notwendigen sozialen Über- und Unterordnung, und wie sich alle Stände im Hinblick auf das Gemeinwohl zu einer harmonischen Einheit zusammenschließen müssen. Gerade in der wirksamen Förderung dieser Harmonie und dieser Einordnung aller sozialen Kräfte besteht die ureigenste und wichtigste Aufgabe der öffentlichen und bürgerlichen Gewalt.

Begriff des Staates

197. Im Hinblick auf dieses organische Zusammenwirken für Ruhe und Ordnung schreibt die katholische Lehre dem Staat die Würde und die Autorität eines wachsamen und weitblickenden Verteidigers der göttlichen und menschlichen Rechte zu, die von der Heiligen Schrift und von den Kirchenvätern so oft betont werden. Es ist unwahr, dass alle in der menschlichen Gesellschaft gleichen Rechtes seien, und dass es keine rechtmäßige Über- und Unterordnung gebe.

Wir verweisen hier auf die oben kurz erwähnten Rundschreiben Leos XIII., besonders auf jenes über die Staatsgewalt [Enzyklika Diuturnum illud] und jenes über die christliche Staatsverfassung [Enzyklika Immortale dei]. Hier findet der Katholik die klaren Grundsätze der Vernunft und des Glaubens, die ihn fähig machen werden, sich gegen das Irrige und Gefährlichkeit der kommunistischen Staatsauffassung zu schützen. Die Entrechtung und die Versklavung des Menschen, die Leugnung des letztlich überweltlichen Ursprungs des Staates und der Staatsgewalt, der erschreckende Missbrauch der öffentlichen Gewalt im Dienst des kollektivistischen Terrorismus sind das Gegenteil von dem, was der natürlichen Sittenlehre und dem Willen des Schöpfers entspricht.

Mensch und bürgerliche Gesellschaft gehen beide auf den Schöpfer als auf ihren Urheber zurück; sie sind vom Schöpfer aufeinander hingeordnet; darum kann keiner von beiden sich den Pflichten, die er dem andern gegenüber hat, entziehen, noch dessen Rechte leugnen oder schmälern. Der Schöpfer selbst hat dieses wechselseitige Verhältnis in seinen Grundzügen geregelt, und es ist ungerechte Anmaßung, wenn der Kommunismus es sich herausnimmt, an die Stelle des göttlichen Gesetzes, das sich auf die unveränderlichen Grundsätze der Wahrheit und der Liebe gründet, ein politisches Parteiprogramm aufzuzwingen, das auf menschlicher Willkür hervorgeht und das gesättigt ist mit Hass.

Ziel dieser Lehre: Ehre Gottes – Friede und Glück der Menschen

198. Mit dieser ihrer lichtvollen Lehre verfolgt die Kirche keinen andern Zweck, als Wirklichkeit werden zu lassen die glückbringende Botschaft des Engelsgesanges bei der Geburt des Erlösers im Stall von Bethlehem: „Ehre sei Gott … und … Friede den Menschen. …“ [Lk. 2,14 ]; wahrer Frieden und wahres Glück, auch hienieden, soweit möglich, im Hinblick und als Vorbereitung auf die ewige Glückseligkeit, aber nur den Menschen, die guten Willens sind.

Die Lehre ist gleich weit entfernt von allen Verstiegenheiten der Irrtümer wie von allen Übertreibungen der Parteien und Systeme, die jenen anhängen; sie hält sich immer im Gleichgewicht der Wahrheit und Gerechtigkeit.

Sie besteht darauf in der Theorie, und wendet sie an und fördert sie in der Praxis; sie versöhnt die Rechte und die Pflichten der einen mit denen der andern, die Autorität mit der Freiheit, die Würde des Individuums mit der des Staates, die menschlichen Persönlichkeit im Untertan mit der göttlichen Stellvertretung in der Obrigkeit, und verbindet so die schuldige Unterordnung und die geordnete Liebe zu sich selbst, zur Familie, zum Vaterland mit der Liebe zu andern Familien und zu andern Völkern, auf dem Grund der Liebe zu Gott, dem Vater aller, dem ersten Ursprung und dem letzten Ziel.

Sie trennt nicht die berechtigte Sorge für die zeitlichen von dem Eifer für die ewigen Güter. Wenn sie die einen den an dem unterordnet nach dem Wort ihres göttlichen Stifters: „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und alles übrige wird euch zugegeben werden“ [Mt. 6, 33], so ist sie damit weit entfernt von Interesselosigkeit für die menschlichen Anliegen, von der Behinderung kulturellen und wirtschaftlichen Fortschritts, den sie vielmehr auf die vernünftigste und wirksamste Weise stützt und fördert.

Obwohl die Kirche im wirtschaftlichen Bereich niemals ein bestimmtes System aufgestellt hat, da dieses nicht ihre Aufgabe ist, hat sie doch klar jene Anhaltspunkte und Richtlinien festgelegt, die bei entsprechender praktischer Anwendung, je nach den verschiedenen Bedingungen von Zeit, Land und Volk, den sichern Weg weisen zum glücklichen Fortschritt der Gesellschaft.

Weisheit und Nutzen der kirchlichen Lehre

199. Die Weisheit und die größte Nützlichkeit dieser Lehre wird von allen zugegeben, die sie wirklich kennen. Mit gutem Grund konnten ausgezeichnete Staatsmänner versichern, dass sie nach dem Studium der verschiedenen sozialen Systeme keines gefunden hätten von einer größeren Weisheit als die in den Enzykliken Rerum novarum und Quadragesimo anno entwickelten Grundsätze.

Auch in Ländern, die nicht katholisch und nicht einmal christlich sind, anerkennt man die Bedeutung der katholischen Soziallehre für die menschliche Gesellschaft. Noch vor kaum einem Monat hat ein angesehener, keineswegs christlicher Staatsmann des Fernen Ostens sich nicht gescheut zu erklären, dass die Kirche mit ihrer Lehre vom Frieden und von christlicher Brüderlichkeit einen außerordentlich bedeutenden Beitrag liefere zur Erhaltung und Festigung eines segensreichen Friedens unter den Nationen.

Ja selbst die Kommunisten, Wir wissen das aus zuverlässigen Berichten, die aus allen Teilen der Welt hier im Mittelpunkt der Christenheit zusammenlaufen, anerkennen, wenn sie noch nicht ganz verblendet sind, wenn ihnen einmal die kirchliche Soziallehre auseinandergesetzt wird, ihre Überlegenheit über die Lehren ihrer eigenen Häupter und Meister. Nur die ganz von Leidenschaft und Hass Verblendeten schließen die Augen vor dem Licht der Wahrheit und bekämpfen sie hartnäckig.

Das Handeln der Kirche war im Einklang mit ihrer Lehre

200. Wenn nun auch die Feinde der Kirche gezwungen sind, die Weisheit ihrer Lehre anzuerkennen, so erheben sie gegen die Kirche doch den Vorwurf, ihr Handeln habe nicht im Einklang damit gestanden, und so müssten sie andere Wege suchen. Wie falsch und ungerecht diese Anklage ist, zeigt die ganze Geschichte des Christentums. Um nur einige charakteristische Punkte anzudeuten: so war es das Christentum, das zuerst in einer Art und in einem Ausmaß und mit einer Überzeugung, wie man sie bis dahin nicht gekannt hatte, die wahre und allgemeine Brüderschaft aller Menschen, aller Klassen und aller Rassen proklamiert hat.

Mächtig hat es dadurch zur Abschaffung der Sklaverei beigetragen, nicht zwar durch blutige Aufstände, wohl aber durch die innere Kraft ihrer Wahrheit, die die stolze römische Patrizierin lehrte, in ihrer Sklavin eine Schwester in Christus zu sehen. Es war das Christentum, das den Sohn Gottes anbetet, der aus Liebe zu den Menschen Mensch geworden ist und sich zu des „Zimmermanns Sohn“ [Vgl. Mt. 13, 55; Mk. 6, 3], ja sogar zum „Zimmermann“ gemacht hat.

Es war das Christentum, das die Handarbeit zu ihrer wahren Würde erhoben hat, diese einst so gering geschätzte Handarbeit, dass sogar der vorsichtig wägende Tullius Cicero, die allgemeine Anschauung seiner Zeit zusammenfassend, nicht zauderte, jene Worte niederzuschreiben, deren sich jeder Soziologe unserer Tage schämen würde: „Alle Handwerker haben einen verächtlichen Beruf, denn eine Werkstätte kann nichts Ehrenwertes haben“ [M. T. Cicero, De officis, 1. I. c. 42.].

201. Ihren Grundsätzen getreu hat die Kirche die menschliche Gesellschaft erneuert; unter ihrem Einfluss entstanden die Wunderwerke der Caritas, die mächtigen Zünfte der Handwerker und Arbeiter jeder Art, wohl belächelt als „Mittelalter“ vom Liberalismus der verflossenen Jahrhunderts, heute aber wieder Gegenstand der Bewunderung unserer Zeitgenossen, die sich in vielen Ländern bemühen, wenigstens die Grundgedanken davon in irgend einer Form wieder aufleben zu lassen. Mochten auch andere Strömungen die Tätigkeit der Kirche stören und ihren wohltätigen Einfluss hemmen, sie hat nicht aufgehört bis in unsere Tage die Irrenden zurechtzuweisen.

Es genüge an die Festigkeit, die Energie und Ausdauer Unseres Vorgängers, des Papstes Leo XIII. zu erinnern, mit der er für den Arbeiter das Koalitionsrecht forderte, das der in den mächtigsten Staaten herrschende Liberalismus ihm hartnäckig zu verweigern suchte. Dieser Einfluss der katholischen Lehre ist auch heute noch stärker, als es äußerlich scheint; er ist groß und gewiß, wenn auch unsichtbar wirkend und nicht leicht messbar; er kommt von der Überlegenheit der Ideen über das Handeln.

202. So darf man der vollen Wahrheit gemäß behaupten, dass die Kirche, Christus ähnlich, allen Wohltaten spendend, durch die Jahrhunderte schreitet. Es gäbe keinen Sozialismus und keinen Kommunismus, wenn die Lenker der Völker die Lehren und die mütterlichen Mahnungen der Kirche nicht verachtet hätten. Statt dessen haben sie auf dem Boden des Laizismus andere soziale Gebäude errichtet. Mächtig und großartig schienen sie anfangs zu sein, aber bald zeigte es sich, dass sie kein tragfähiges Fundament besaßen, und so brachen sie eines nach dem andern elend zusammen, wie denn alles zusammenbrechen muss, was nicht auf dem einzigen Eckstein ruht: Jesus Christus.

Quelle: Emil Marmy (Hrsg.), Mensch und Gemeinschaft in christlicher Schau, Dokumente, 1945, S. 131 – S. 153

Teil 2 siehe:

  • Heilmittel gegen den Kommunismus
Die kommunistische Infiltration der Kirche
Enzyklika Divini Redemptoris Die Heilmittel (2)

Suchen

Lehramt der Päpste