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Enzyklika Mystici Corporis Christi Teil 2

Foto der Krönung von Papst Pius XII.

Enzyklika „Mystici Corporis Christi“ Teil 2 – Die Kirche, der geheimnisvolle Leib Christi

Rundschreiben von Papst Pius XII. v. 29. Juni 1943

(AAS XXXV [1943] 193-248)

Teil 2

Inhalt

Zweiter Teil

Die Verbindung der Gläubigen mit Christus

Dieses Band ist ein tiefes Geheimnis, 810

I. Darlegung der richtigen Lehre:

1. Die christliche Gemeinschaft als vollkommener Gesellschaftskörper:
a) Einheit des Zieles von Haupt und Gliedern, 811
b) Einheit des Bekenntnisses und der Leitung, 812

2. Der mystische Leib als Gesinnungs-Gemeinschaft:
a) Die drei göttlichen Tugenden, 813-815
b) Die christliche Nächstenliebe, 816

3. Liebesgemeinschaft mit Christus:
a) Christi unendliche Liebe zu den Menschen, 817
b) Die Kirche als Lebensfülle Christi

II. Hinweise zur Vertiefung des Geheimnisses:

1. Das richtige Verständnis von der Lehre über die Einwohnung des Heiligen Geistes, 819

2. Vorstufe der ewigen Glückseligkeit, 820

3. Irdische Vollendung durch die Eucharistie, 821

4. Die Eucharistie als Abbild der Einheit der Kirche, 822-823

Dritter Teil

Pastorale Weisungen und Ermahnungen

I. Irrtümer betreffs der Verbindung der Gläubigen mit Christus, 824

1. Falscher Mystizismus, 825

2. Ungesunder Quietismus, 826

3. Geringschätzung der Andachtsbeichte, 827

4.Geringschätzung des persönlichen Gebetes, 828

5. Ablehnung des unmittelbaren Gebetes zu Christus, 829

II. Ermahnung zur Liebe gegenüber der Kirche, 830:

1. Beweggrund dieser Liebe:
a) weil und wie Christus sie schuf, 831
b) weil Christus in allen Gliedern lebt, 832

2. Vorbild dieser Liebe ist Christi Liebe, 833
a) weltweite Liebe, 834
b) tatkräftige, wirkende Liebe, 835
c) betende und fürbittende Liebe, 836-840
d) sühnende und opfernde Liebe, 841-843

Schluss:

1. Erneute Mahnung zur Liebe gegenüber der Kirche, 844

2. Maria, die Mutter aller Glieder des mystischen Leibes und das Vorbild unserer Liebe, 845-846

Zweiter Teil

Die Verbindung der Gläubigen mit Christus

Dieses Band ist ein tiefes Geheimnis

810 Wir möchten jetzt, Ehrwürdige Brüder, in ganz besonderer Weise über unsere enge Verbindung mit Christus im Leib der Kirche sprechen. Ist diese – wie mit Recht der heilige Augustinus sagt (Vgl. Augustinus, Contra Faustum XXI, 8. PL 42, 392) – etwas Erhabenes, Geheimnisvolles und Göttliches, so wird sie doch oft gerade aus diesem Grund von einigen falsch verstanden und dargestellt.

Zunächst ist es klar, dass diese Verbindung mit Christus sehr innig ist. In der Heiligen Schrift wird sie dem Band einer keuschen Ehe, mit der lebensvollen Einheit von Weinstock und Rebzweigen und mit dem Organismus unseres Leibes verglichen (Vgl. Eph. 5,22f; Joh. 15,1- 5; Eph. 4,16). Sie wird als so tief innerlich dargestellt, dass es nach dem Wort des Völkerapostels: „Er (Christus) ist das Haupt des Leibes, der Kirche” (Kol. 1,18) die uralte, ständig von den Vätern weiter gegebene Lehre ist, der göttliche Erlöser bilde zusammen mit Seinem gesellschaftlichen Leib nur eine einzige mystische Person, oder, wie Augustinus sagt, ”den ganzen Christus” (Augustinus, Enarrationes in Psalm. XVII 51 et XC II, 1. PL 36, 154 und 37, 1159).

Ja, unser Heiland selbst zögerte nicht, in seinem hohepriesterlichen Gebet diese Vereinigung mit jener wunderbaren Einheit zu vergleichen, durch die der Sohn im Vater ist, der Vater im Sohn (Vgl. Joh. 17,21-23).

I. Darlegung der richtigen Lehre:

1. Die christliche Gemeinschaft als vollkommener Gesellschaftskörper

a) Einheit des Zieles von Haupt und Gliedern

811 Unsere Vereinigung in Christus und mit Christus aber ergibt sich zuallererst aus der Tatsache, dass die christliche Gemeinschaft nach dem Willen ihres Stifters einen vollkommenen Gesellschaftskörper bildet und infolgedessen an ihr alle Glieder vereint sein müssen durch das einheitliche Streben zum gleichen Ziel. Je edler aber das Ziel ist, auf das sich dieses Streben richtet, je göttlicher die Quelle ist, aus der es entspringt, umso erhabener gestaltet sich ohne Zweifel auch die Einheit. Nun ist aber sein Ziel das allerhöchste, nämlich die fortgesetzte Heiligung der Glieder dieses Leibes selbst zur Ehre Gottes und des Lammes, das geopfert ist (Offb. 5,12f).

Seine Quelle aber ist ganz göttlich: der Ratschluss des Ewigen Vaters und der liebestarke Wille unseres Heilandes, aber auch die Erleuchtungen und Antriebe des Heiligen Geistes im Innersten unserer Seele. Wenn wir nicht den geringsten heilbringenden Akt setzen können, es sei denn im Heiligen Geist, wie könnten da ungezählte Scharen verschiedenster Volkszugehörigkeit und Abstammung in voller Eintracht die Ehre des Dreieinigen Gottes erstreben ohne die Kraft jenes Odems, der vom Vater und Sohn in einer einzigen, ewigen Liebe ausgeht?

b) Einheit des Bekenntnisses und der Leitung

812 Da nun aber dieser gesellschaftliche Leib Christi, wie Wir oben dargelegt haben, nach dem Willen Seines Stifters sichtbar sein muss, so folgt notwendig, dass auch jenes Zusammenwirken aller Glieder äußerlich in die Erscheinung treten muss, durch das Bekenntnis desselben Glaubens, durch die Gemeinschaft derselben Sakramente und die Teilnahme am selben Opfer, wie auch durch die tätige Beobachtung derselben Gebote.

Zudem muss durchaus ein allen sichtbares Oberhaupt vorhanden sein, von dem die Tätigkeit und die Zusammenarbeit aller wirksam auf die Erreichung des vorgesteckten Zieles gerichtet wird: Wir meinen den Stellvertreter Jesu Christi auf Erden. Wie nämlich der göttliche Erlöser den Beistand, den Geist der Wahrheit gesandt hat, damit er an seiner Statt (Vgl. Joh. 14,16 und 26) die unsichtbare Leitung der Kirche übernehme, so hat er dem Petrus und seinen Nachfolgern aufgetragen, Ihn auf Erden zu vertreten und die sichtbare Leitung der christlichen Gemeinschaft zu übernehmen.

2. Der mystische Leib als Gesinnungs-Gemeinschaft

a) Die drei göttlichen Tugenden

813 Zu diesen rechtlichen Banden, die für sich allein schon die Bindungen jeder anderen, selbst der höchsten menschlichen Gesellschaft weit übertreffen, kommt notwendig noch eine andere Einheitsgrundlage: es sind jene drei Tugenden, durch die wir mit Gott und untereinander aufs engste verbunden werden, der christliche Glaube, die Hoffnung und die Liebe.

In der Tat, es ist nur ”ein Herr”, wie der Apostel mahnt, ”nur ein Glaube” (Eph. 4,5), jener Glaube nämlich, durch den wir dem einen Gott anhangen und ihm, den er gesandt hat, Jesus Christus (Vgl. Joh. 17,3). Wie stark wir durch diesen Glauben mit Gott verbunden werden, zeigen die Worte des Liebesjüngers Jesu: „Wer immer bekennt, dass Jesus der Sohn Gottes ist, in dem bleibt Gott, und er bleibt in Gott” (1. Joh. 4,15). Ebenso innig werden wir aber durch diesen christlichen Glauben untereinander und mit unserem Haupt verbunden.

Denn da wir alle, die wir gläubig sind, „denselben Geist des Glaubens haben” (2. Kor. 4,13), werden wir auch von demselben Licht Christi erleuchtet, durch dieselbe Speise Christi ernährt, durch dasselbe Lehramt und dieselbe Amtsvollmacht Christi geleitet. Wenn nun derselbe Glaubensgeist uns alle beseelt, leben wir auch alle dasselbe Leben „im Glauben an den Sohn Gottes, der uns geliebt und sich für uns dahingegeben hat” (Gal 2,20), und wie Christus, unser Haupt, der Urheber unseres Glaubens ist, wenn er mit lebendigem Glauben aufgenommen, in unserem Herzen wohnt (Vgl. Eph 3,17), so wird er auch sein Vollender sein (Vgl. Hebr 12,2).

814 Wie wir aber durch den Glauben hier auf Erden Gott anhangen als der Quelle der Wahrheit, so erstreben wir Ihn durch die Tugend der christlichen Hoffnung als die Quelle der Seligkeit, „indem wir die selige Hoffnung und die herrliche Erscheinung des großen Gottes erwarten” (Tit. 2,13). Ob dieses gemeinsamen Verlangens nach dem Himmelreich, womit wir im Diesseits nicht unsere bleibende Heimat sehen, sondern die zukünftige suchen (Vgl. Hebr. 13,14) und die Glorie des Himmels ersehen, sagt der Völkerapostel ohne Bedenken: „Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung” (Eph. 4,4) ja, Christus selbst wohnt in uns gleichsam als die Hoffnung der Herrlichkeit. (Vgl. Kol. 1,27).

815 Die Bande des Glaubens und der Hoffnung, durch die wir mit unserem göttlichen Erlöser in seinem mystischen Leib verbunden werden, sind gewiss von großer Wichtigkeit und höchster Bedeutung. Aber sicher nicht weniger wichtig und wirksam sind die Bande der Liebe. Denn wenn schon im natürlichen Bereich die Liebe, aus der die wahre Freundschaft entspringt, etwas sehr Erhabenes ist, was muss man dann nicht von jener übernatürlichen Liebe sagen, die von Gott selbst in unsere Herzen ausgegossen wird? „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm” (1. Joh. 4,16).

Diese Liebe hat, gleichsam nach einem von Gott selbst gegebenen Gesetz, die Wirkung, dass sie in unsere liebenden Herzen ihn selbst in Gegenliebe hinabsteigen läßt gemäß dem Wort: „Wenn jemand mich liebt …, wird auch mein Vater ihn lieben, und Wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen” (Joh. 14,23).

Die Liebe verbindet uns also enger mit Christus als jede andere Tugend. Von ihrer himmlischen Glut erfaßt haben so viele Kinder der Kirche freudig für ihn Schmach erlitten und bis zum letzten Atemzug und Blutstropfen jegliche, auch die schlimmsten Qualen und Prüfungen ausgestanden. Deshalb mahnt uns unser göttlicher Heiland so eindringlich: „Bleibt in meiner Liebe”. Und da ja eine Liebe schwächlich und völlig inhaltslos bleibt, wenn sie nicht in guten Werken sich entfaltet und Gestalt annimmt, fügt er sogleich hinzu: „Wenn ihr meine Gebote haltet, bleibt ihr in meiner Liebe, wie auch ich die Weisungen meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe verbleibe” (Joh. 15,9-10).

b) Die christliche Nächstenliebe

816 Aber dieser Liebe zu Gott und zu Christus muss die Liebe zum Nächsten entsprechen. Wie könnten wir denn auch behaupten, unsern göttlichen Erlöser zu lieben, wenn wir diejenigen hassten, die er selbst mit seinem kostbaren Blute erlöst hat, um sie zu Gliedern seines mystischen Leibes zu machen? Aus diesem Grund ermahnt uns auch der Liebesjünger Jesu mit den Worten: „Wenn einer sagt: Ich liebe Gott, dabei aber seinen Bruder hasst, so ist er ein Lügner. Denn wie kann einer Gott lieben, den er nicht sieht, wenn er seinen Bruder nicht liebt, den er sieht? Wir haben dies Gebot von Gott: Wer Gott liebt, der muss auch seinen Bruder lieben” (1. Joh. 4, 20–21).

Sogar dies ist Tatsache: Wir werden desto mehr mit Gott und Christus verbunden sein, je mehr wir einer des anderen Glieder sind (Röm. 12, 5), in einmütiger Sorge füreinander (1. Kor. 12, 25). Und wir selbst werden untereinander desto mehr in Liebe verbunden und zusammen geschlossen sein, je glühender die Liebe ist, womit wir Gott und unserem göttlichen Haupte anhangen.

Uns aber hat der eingeborene Sohn Gottes schon vor Grundlegung der Welt mit seiner anfanglosen, unendlichen Erkenntnis und seiner ewigen Liebe umfangen. Und um diese seine Liebe auf eine ganz augenscheinliche und wunderbare Weise zu offenbaren, erhob er unsere Menschennatur zu persönlicher Einigung mit sich selbst, so dass, wie Maximus von Turin mit schlichter Einfachheit bemerkt, „in Christus unser eigenes Fleisch uns liebt” (Maximus Taur., Sermo XXIX. PL 57, 594).

3. Liebesgemeinschaft mit Christus

a) Christi unendliche Liebe zu den Menschen

817 Jene liebevolle Erkenntnis aber, womit uns der göttliche Erlöser vom ersten Augenblick seiner Menschwerdung an entgegen kam, übertrifft alles menschliche Bemühen und Begreifen. Denn vermöge jener seligen Gottschau, deren er sich sogleich nach der Empfängnis im Schoß der Gottesmutter erfreute, sind ihm alle Glieder seines mystischen Leibes unablässig und jeden Augenblick gegenwärtig und er empfängt sie alle mit seiner heilbringenden Liebe.

O wunderbare Herablassung der göttlichen Güte zu uns; o unbegreifliche Abfolge einer Liebe ohne Grenzen! In der Krippe, am Kreuz, in der ewigen Glorie des Vaters hat Christus immerdar alle Glieder der Kirche vor Augen und im Herzen, mit weit größerer Klarheit und Liebe als eine Mutter ihr Kind auf dem Schoß, als ein jeder sich selbst kennt und liebt.

b) Die Kirche als Lebensfülle Christi

818 Aus dem Gesagten wird ersichtlich, Ehrwürdige Brüder, warum der Apostel Paulus so häufig schreibt, Christus lebe in uns und wir in Christus. Dafür gibt es aber auch noch einen tieferen Grund: Nach unseren Ausführungen lebt Christus in uns durch seinen Geist, den er uns mitteilt, und durch den er so in uns tätig ist, dass alle übernatürlichen Wirkungen des Heiligen Geistes in den Seelen auch Christus zugeschrieben werden müssen (Vgl. Thom.as von Aquin, Comm. in Epist. ad Eph., c. II, lect. 5). „Wenn jemand den Geist Christi nicht hat, sagt der Apostel, gehört er ihm nicht an. Ist dagegen Christus in euch …, so lebt der Geist wegen der Rechtfertigung” (Röm. 8,9f).

Dieselbe Mitteilung des Geistes Christi, womit alle Gaben, Tugenden und Charismen, die im Haupt auf überragende, überreiche und wirksame Weise wohnen, in alle Glieder der Kirche übergeleitet und in ihnen, gemäß der Stellung, die sie im mystischen Leib Jesu Christi einnehmen, von Tag zu Tag vervollkommnet werden, hat auch zur Folge, daß die Kirche gleichsam die Fülle und Ergänzung des Erlösers ist und Christus in jeder Beziehung in der Kirche gleichsam Erfüllung findet (Vgl. Thomas von Aquin, Comm. in Epist. ad Eph., c. I, lect 8).

Mit diesen Worten haben Wir den tiefsten Grund berührt, warum nach der Ansicht des heiligen Augustin, die Wir schon kurz erwähnten, das mystische Haupt, welches Christus ist, und die Kirche, die hier auf Erden wie ein zweiter Christus seine Stelle vertritt, den einen neuen Menschen darstellen, durch den bei der unaufhörlichen Fortsetzung des Heilswerkes am Kreuz Himmel und Erde verbunden werden: Wir meinen Christus als Haupt und Leib, den ganzen Christus.

II. Hinweise zur Vertiefung des Geheimnisses

1. Das richtige Verständnis von der Lehre über die Einwohnung des Heiligen Geistes

819 Wir wissen sehr gut, dass das Verständnis und die Erklärung dieser geheimnisvollen Lehre über unsere Verbindung mit dem göttlichen Heiland und zumal über das Wohnen des Heiligen Geistes in der Seele durch mannigfache Schleier gehindert wird und infolge der Schwäche des forschenden Menschengeistes in ein gewisses Dunkel gehüllt ist.

Aber wir wissen auch, dass aus dem rechten und eifrigen Studium dieses Gegenstandes und aus dem Widerstreit und der Erörterung der verschiedenen Meinungen und Ansichten, sofern solches Forschen sich leiten lässt von der Liebe zur Wahrheit und von dem schuldigen Gehorsam gegenüber der Kirche, reiche und kostbare Erkenntnisse ersprießen, durch die auch in diesen heiligen Wissensgebieten ein wirklicher Fortschritt erzielt wird.

Deshalb machen Wir denen keinen Vorwurf, die verschiedene Wege und Weisen aufsuchen, um dem erhabenen Geheimnis unserer wundervollen Verbindung mit Christus näher zu kommen und es nach Kräften aufzuhellen.

2. Vorstufe der ewigen Glückseligkeit

820 Um aber dabei nicht von der wahren Lehre und dem rechten Lehramt der Kirche abzuweichen, gelte für alle als gemeinsamer, unumstößlicher Grundsatz, jede Art von mystischer Vereinigung abzulehnen, wodurch die Gläubigen irgendwie die Grenzen des Geschöpfes überschreiten und so verwegen in den Bereich des Göttlichen einzudringen suchen, dass sie sich auch nur eine einzige Eigenschaft der ewigen Gottheit gleichsam selbst beilegen. Außerdem sollen alle ohne Schwanken daran festhalten, dass in diesen Dingen alles, was Gott als letzte Wirkursache betrifft, der ganzen Heiligsten Dreifaltigkeit zugeschrieben werden muss.

Ferner soll man wohl bedenken, dass es sich hier um ein verborgenes Geheimnis handelt, das wir während dieser irdischen Verbannung nie ganz enthüllt durchschauen und in menschlicher Sprache ausdrücken können. Man spricht von einer Einwohnung der göttlichen Personen, insofern sie in den geschaffenen, Vernunft begabten Lebewesen auf unerforschliche Weise zugegen sind und den Gegenstand ihrer Erkenntnis und Liebe bilden (Vgl. Thomas von Aquin, Sum. theol. I q. 43, a. 3), jedoch auf eine Weise, die alle geschöpfliche Fähigkeit übersteigt und tief innerlich und einzigartig ist.

Wollen wir sie uns wenigstens in etwa nahe bringen, so dürfen wir die vom Vatikanischen Konzil (Vgl. Vatik. Konzil, Sess. III, c. 4. Denzinger Nr. 1795) für solche Dinge dringend empfohlene Anweisung nicht außer Acht lassen. Sie besteht darin, dass wir beim Bemühen um eine wenn auch noch so geringe Vermehrung unserer Erkenntnis göttlicher Geheimnisse, diese untereinander und mit dem höchsten Ziel, auf das sie hingeordnet sind, vergleichen sollen.

Mit Recht wendet also Unser weiser, unvergesslicher Vorgänger Leo XIII., da er von unserer Verbindung mit Christus und über den uns inne wohnenden göttlichen Tröster spricht, die Augen zu jener beseligenden Schau, in der einst im Himmel diese mystische Verbindung ihren Abschluss und ihre Vollendung finden wird. „Diese wunderbare Vereinigung, sagt er, die man Einwohnung nennt, ist nur der Lage, d. h. dem Stande nach von jener verschieden, in der Gott die Himmelsbewohner beseligend umfängt” (Vgl. Leo XIII., Rundschreiben Divinum illud vom 9. Mai 1897. ASS XXIX (1897) 653).

In jener Schau wird es uns auf ganz unsagbare Weise gestattet sein, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist mit den durch das Glorienlicht geschärften Augen des Geistes zu betrachten, die Ausgänge der göttlichen Personen durch alle Ewigkeit hindurch aus nächster Nähe mitzuerleben und ein Glück zu verkosten, jenem ähnlich, wodurch die Allerheiligste und ungeteilte Dreifaltigkeit selig ist.

3. Irdische Vollendung durch die Eucharistie

821 Was Wir bisher über die enge Verbindung des mystischen Leibes Jesu Christi mit seinem Haupt dargelegt haben, würde Uns indes unvollkommen erscheinen, wenn Wir hier nicht wenigstens einiges hinzufügten über die hochheilige Eucharistie, wodurch jene Vereinigung in diesem sterblichen Leben gleichsam zu ihrem Gipfelpunkt geführt wird.

Christus der Herr wollte nämlich, dass die wunderbare, nie genug gepriesene Verbindung zwischen uns und unserem göttlichen Haupt durch das eucharistische Opfer den Gläubigen in besonderer Weise offenbar werde. Dabei vertreten nämlich die Priester nicht nur die Stelle unseres Heilandes, sondern auch die des mystischen Leibes und der einzelnen Gläubigen.

Ebenso bringen aber auch die Gläubigen selbst das unbefleckte Opfer, das einzig durch des Priesters Wort auf dem Altar zugegen ward, durch die Hände desselben Priesters in betender Gemeinschaft mit ihm dem Ewigen Vater dar als ein wohlgefälliges Lob- und Sühnopfer für die Anliegen der ganzen Kirche. Und so wie der göttliche Erlöser sterbend am Kreuze sich selbst als Haupt des ganzen Menschen-Geschlechtes dem Ewigen Vater zum Opfer brachte, so opfert er in dieser ”reinen Opfergabe” (Mal. 1,11) nicht nur sich selbst als Haupt der Kirche dem Himmlischen Vater, sondern in sich selbst auch seine mystischen Glieder, die er ja alle, mögen sie auch schwach und krank sein, liebevoll in sein Herz geschlossen hat.

4. Die Eucharistie als Abbild der Einheit der Kirche

822 Das Sakrament der Heiligen Eucharistie aber, das ein lebendiges und wunderbares Bild der Einheit der Kirche ist – da ja das zur Verwandlung bestimmte Brot aus vielen Körnern eins wird (vgl. Didache 9,4. Funk, Patres Apostolici I 20) – schenkt uns den Urheber der übernatürlichen Gnade selbst, damit wir aus ihm jenen Geist der Liebe schöpfen, der uns antreibt, nicht mehr unser eigenes, sondern Christi Leben zu führen, und in allen Gliedern Seines gesellschaftlichen Leibes den Erlöser selbst zu lieben.

823 Gibt es bei den traurigen Zeitverhältnissen, unter denen wir gegenwärtig leiden, viele die Christus dem Herrn, verborgen unter den Schleiern der Heiligen Eucharistie, derart anhangen, dass weder Trübsal noch Angst, weder Hunger noch Blöße, weder Gefahr noch Verfolgung und Schwert sie zu trennen vermöchten von seiner Liebe (Vgl. Röm. 8,35), so kann ohne Zweifel das Heilige Gastmahl, das nicht ohne göttliche Fügung in unserer Zeit von Kindheit auf wieder häufiger empfangen wird, die Quelle jener Seelenstärke werden, die nicht selten in der Christenheit auch Helden zu erwecken und zu erhalten vermag.

Dritter Teil

Pastorale Weisungen und Ermahnungen

I. Irrtümer betreffs der Verbindung der Gläubigen mit Christus

824 Das sind die Lehren, Ehrwürdige Brüder, die die Gläubigen recht und fromm erkennen und treu festhalten sollen. Dann können sie sich auch leicht vor jenen Irrtümern hüten, die von mancher Seite infolge einer willkürlichen Erforschung dieses schwierigen Gegenstandes nicht ohne große Gefahr für den katholischen Glauben und große Verwirrung der Seelen erwachsen.

1. Falscher Mystizismus

825 Manche bedenken zu wenig, dass der Apostel Paulus nur bildlich über diesen Gegenstand gesprochen hat, unterlassen die so notwendige Unterscheidung zwischen physischem, moralischem und mystischem Leib und bringen so einen ganz verkehrten Begriff von Einheit auf. Sie lassen nämlich den göttlichen Erlöser und die Glieder der Kirche zu einer einzigen physischen Person zusammenwachsen, und während sie den Menschen göttliche Attribute beilegen, unterwerfen sie Christus den Herrn dem Irrtum und der menschlichen Neigung zum Bösen.

Solch irreführende Lehre steht in vollem Widerspruch zum katholischen Glauben, zur Überlieferung der Väter und ebenso zur Ansicht und zum Geist des Völkerapostels. Er weiß zwar um die wunderbare innige Verbindung Christi mit Seinem mystischen Leib, aber er stellt sie dennoch wie Braut und Bräutigam einander gegenüber (Vgl. Eph. 5,22f).

2. Ungesunder Quietismus

826 Nicht weniger entfernt sich von der Wahrheit der gefährliche Irrtum derer, die aus unserer geheimnisvollen Verbindung mit Christus einen ungesunden Quietismus herleiten wollen. Danach wird das ganze geistliche Leben der Christen und ihr Fortschritt in der Tugend nur der Wirksamkeit des Heiligen Geistes zugeschrieben unter völliger Verkennung und Beiseitelassung der persönlichen Mitwirkung, die wir ihm schulden.

Gewiss kann keiner leugnen, dass der Heilige Geist Jesu Christi die einzige Quelle ist, aus der alles übernatürliche Leben in die Kirche und ihre Glieder herabfließt. Denn die ”Gnade und Glorie verleiht der Herr” (Ps. 84,12), sagt der Psalmist. Dass aber die Menschen beständig in den Werken der Heiligkeit verharren, dass sie unverdrossen in der Gnade und Tugend voranschreiten, dass sie selbst mannhaft zum Gipfel der christlichen Vollkommenheit emporstreben, und auch andere nach Kräften dazu anspornen, das alles will der Geist Gottes nur dann wirken, wenn die Menschen selbst durch tägliches, tatkräftiges Bemühen ihren Teil dazu beitragen.

„Nicht den Schlafenden”, sagt der heilige Ambrosius, „sondern den Eifrigen werden die göttlichen Wohltaten gespendet” (Ambrosius, Expos. Evang. sec. Luc. IV, 49. PL 15, 1626). Wenn nämlich schon in unserem sterblichen Leib die Glieder nur bei ständiger Übung gesund und kräftig bleiben, so gilt das noch in viel höherem Grad vom gesellschaftlichen Leib Jesu Christi, in dem ja die einzelnen Glieder alle ihre persönliche Freiheit und Verantwortlichkeit behalten.

Deswegen konnte auch derselbe, der das Wort aussprach: „Ich lebe, doch nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir” (Gal. 2,20), ohne Zögern behaupten: „seine (das heißt Gottes) Gnade ist in mir nicht unwirksam geblieben, sondern ich habe mich mehr gemüht als sie alle; doch nicht ich, sondern die Gnade Gottes mit mir” (1. Kor. 15,10).

Es ist demnach klar, dass durch jene falschen Lehren das Geheimnis, von dem Wir handeln, nicht dem geistlichen Fortschritt der Gläubigen, sondern in beklagenswerter Weise ihrem Verderben dienstbar gemacht wird.

3. Geringschätzung der Andachtsbeichte

827 Dasselbe geschieht auch durch die falschen Anschauungen jener, die behaupten, man dürfe die häufige Beichte der lässlichen Sünden nicht so hoch einschätzen; das allgemeine Sündenbekenntnis, das die Braut Christi Tag für Tag zusammen mit den ihr im Herrn vereinten Kindern durch die Priester am Fuß des Altares ablege, sei ihr vorzuziehen. Gewiss können solche Sünden, wie euch bekannt ist, Ehrwürdige Brüder, auf mannigfache, höchst lobenswerte Weise gesühnt werden.

Aber zum täglich eifrigeren Fortschritt auf dem Wege der Tugend möchten Wir angelegentlichst den frommen Brauch der häufigen Beichte empfohlen wissen, der nicht ohne Antrieb des Heiligen Geistes in der Kirche eingeführt wurde. Wird doch durch ihn die Selbsterkenntnis gefördert, die christliche Demut vertieft, die sittliche Schwäche an der Wurzel gefasst, die geistliche Nachlässigkeit und Lauheit bekämpft, das Gewissen gereinigt, der Wille gestärkt, eine heilsame Seelenleitung ermöglicht und kraft des Sakramentes die Gnade vermehrt. Mögen also die, welche in den Reihen des jüngeren Klerus die Hochschätzung der häufigen Beichte zu verringern und herabzusetzen suchen, wohl bedenken, dass sie eine Sache betreiben, die dem Geist Christi fremd und für den mystischen Leib unseres Heilandes ein Unsegen ist.

4. Geringschätzung des persönlichen Gebetes

828 Manche sprechen auch unseren Gebeten alle wirkliche Kraft ab, oder suchen andern die Meinung beizubringen, die privaten Gebete hätten vor Gott geringe Bedeutung; vielmehr komme den öffentlichen, im Namen der Kirche verrichteten Gebeten der wahre Wert zu, weil sie vom mystischen Leib Jesu Christi ausgehen. Das ist durchaus nicht richtig. Der göttliche Erlöser steht nicht nur in der engsten Lebens-Gemeinschaft mit seiner Kirche als der viel geliebten Braut, sondern in ihr ist er auch aufs innigste vereint mit der Seele jedes einzelnen Gläubigen und sehnt sich danach, vor allem nach der heiligen Kommunion, traute Zwiesprache mit ihr zu führen.

Obgleich das öffentliche Gebet, da es von der Mutter Kirche selbst verrichtet wird, wegen der Würde der Braut Christi jedes andere übertrifft, so entbehren doch auch alle anderen, selbst die ganz privaten Gebete, nicht der Würde und Kraft. Sie tragen sogar viel bei zum Nutzen des ganzen mystischen Leibes. Denn in ihm wird kein gutes Werk, kein Tugendakt von einzelnen Gliedern vollbracht, der nicht infolge der Gemeinschaft der Heiligen auch der Gesamtheit zugute käme.

Es ist den einzelnen Menschen auch nicht verwehrt, deswegen, weil sie Glieder dieses Leibes sind, besondere, auch rein zeitliche Gaben, für sich selbst zu erbitten, wenn dabei nur die demütige Unterwerfung unter den Willen Gottes gewahrt wird: sie bleiben ja selbständige Personen und ihren persönlichen Bedürfnissen unterworfen (Vgl. Thomas von Aquin, Sum. theol. II – II, q. 83 a. 5 und 6). Welche Hochschätzung endlich alle der Betrachtung himmlischer Wahrheiten entgegen bringen sollen, geht aus den amtlichen Äußerungen der Kirche, sowie aus der Übung und dem Vorbild aller Heiligen hervor.

5. Ablehnung des unmittelbaren Gebetes zu Christus

829 Schließlich kann man auch der Auffassung begegnen, wir dürften unsere Gebete nicht unmittelbar an die Person Jesu Christi richten; sie müssten sich vielmehr durch Christus an den ewigen Vater wenden, da unser Heiland als Haupt Seines mystischen Leibes nur als „der Mittler zwischen Gott und den Menschen” (1. Tim. 2,5) angesehen werden dürfe. Aber eine solche Behauptung widerspricht nicht nur dem Geist der Kirche und der Gewohnheit der Gläubigen, sondern widerstreitet auch der Wahrheit.

Christus ist nämlich, um Uns klar zu fassen, mit beiden Naturen zugleich das Haupt der ganzen Kirche (Vgl. Thomas von Aquin, De Veritate q. 29, a. 4 c); und im übrigen hat er auch selbst feierlich erklärt: „Wenn ihr mich um etwas in meinem Namen bitten werdet, werde ich es tun” (Joh. 14,14). Zwar werden, zumal beim heiligen Messopfer, wo Christus zugleich Opferpriester und Opferlamm ist und so in besonderer Weise das Mittleramt ausübt, die Gebete meist durch seinen eingeborenen Sohn an den ewigen Vater gerichtet. Doch auch hier, selbst bei der heiligen Opferhandlung, wendet sich nicht selten das Gebet auch an den göttlichen Erlöser.

Es sollte doch allen Christen bekannt und selbstverständlich sein, dass der Mensch Jesus Christus zugleich Gottes Sohn und Gott selber ist. Und so antwortet gewissermaßen die streitende Kirche, wenn sie das makellose Lamm und die konsekrierte Hostie anbetet und anfleht, auf die Stimme der triumphierenden Kirche, die nicht aufhört zu singen: „Dem, der auf dem Throne sitzt, und dem Lamm sei Preis und Ehre und Herrlichkeit und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit” (Offb. 5,13).

II. Ermahnung zur Liebe gegenüber der Kirche

830 Wir haben bisher, Ehrwürdige Brüder, in Erklärung des Geheimnisses, das unser aller verborgene Verbindung mit Christus in sich begreift, als Lehrer der gesamten Kirche den Geist mit dem Licht der Wahrheit erleuchtet. Nunmehr halten Wir es noch für die Pflicht Unseres Hirtenamtes, auch das Herz zu jener innigen Liebe zum mystischen Leib Christi anzuregen, die sich nicht nur im Denken und Reden, sondern auch im Handeln äußert.

Schon die Mitglieder des Alten Gesetzes haben ihre irdische Heilige Stadt mit dem Psalm besungen: ”Sollte ich dein vergessen, Jerusalem, dann soll man meine rechte Hand vergessen! Meine Zunge soll mir am Gaumen kleben, wenn ich deiner nimmer gedenke, wenn ich nimmer Jerusalem als meine vorzüglichste Freude betrachte” (Ps. 137,5-6). Mit viel größerem Stolz und lebendiger Freude müssen wir darüber frohlocken, dass wir wohnen dürfen in der Stadt, gebaut auf heiligen Höhen, aus lebendigen und auserwählten Quadern, „auf dem hehren Eckstein, der Christus Jesus selber ist” (Eph. 2,20; Petr. 2,4-6).

Nichts Ehrenvolleres, nichts Erhabeneres, nichts Ruhmreicheres kann je erdacht werden, als anzugehören der heiligen, katholischen, apostolischen, römischen Kirche, durch die wir Glieder an dem gleichen verehrungswürdigen Leib werden, von dem einen erhabenen Haupt geleitet, von dem gleichen göttlichen Geist durchdrungen, von derselben Lehre und demselben Brot der Engel in dieser Erdenverbannung gestärkt, bis wir dereinst auch dasselbe ewige Glück im Himmel genießen dürfen.

1. Beweggrund dieser Liebe

831 Um jedoch nicht vom Engel der Finsternis, der sich kleidet in einen Engel des Lichts (Vgl. 2. Kor. 11,14) betrogen zu werden, sei oberstes Gesetz unserer Liebe, Christi Braut zu lieben, wie Christus sie wollte und mit Seinem Blute erkaufte. Teuer sollen uns daher die Sakramente sein, womit die gute Mutter Kirche uns stärkt, die Feiern, womit sie uns tröstet und erfreut, die heiligen Lieder und liturgischen Bräuche, womit sie unser Herz himmelwärts lenkt, teuer aber auch die Sakramentalien und jene verschiedenen Übungen der Frömmigkeit, womit dieselbe Kirche die Herzen der Gläubigen liebevoll mit dem Geist Christi durchdringt und erhebt.

Wie es unsere Kindespflicht ist, ihre mütterliche Liebe zu uns anzuerkennen, so noch mehr die ihr von Christus verliehene Autorität zu verehren, die unsern Verstand gefangennimmt für den Gehorsam gegen Christus (Vgl. 2. Kor. 10,5). Kraft dessen sind wir gehalten, ihren Gesetzen und ihren sittlichen Vorschriften zu gehorchen, die bisweilen unsere vom Urstand gefallene Natur hart empfindet, sind wir gemahnt, den Widerstand des Leibes, den wir tragen, durch freiwillige Abtötung zu beugen, ja zuweilen uns selbst erlaubter Freuden zu enthalten.

Es genügt ferner nicht, diesen Mystischen Leib nur insoweit zu lieben, als er durch sein göttliches Haupt und seine himmlischen Gaben sich auszeichnet. Wir müssen ihm auch in der sterblichen Erscheinung unseres Fleisches unsere tatfreudige Liebe zollen, in seinen menschlich schwachen Bestandteilen, auch wenn diese bisweilen weniger der Stellung entsprechen, die sie in dem verehrungswürdigen Leib einnehmen.

832 Damit solch zuverlässige und unverfälschte Liebe in unserem Herzen Platz greife und täglich wachse, müssen wir uns angewöhnen, in der Kirche Christus selbst zu erblicken. Denn Christus ist es, der in seiner Kirche lebt, der durch sie Lehre, Leitung und Heiligung spendet. Christus ist es auch, der sich auf verschiedene Weise in den verschiedenen Gliedern seiner Gemeinschaft darstellt. Wo dies Streben nach lebendigem Glaubensgeist wirklich das Handeln aller Christgläubigen bestimmt, da werden sie gewiss nicht allein den hervorragenderen Gliedern des Mystischen Leibes Ehre und gebührenden Gehorsam entgegenbringen, zumal denen, welche im Auftrag des göttlichen Hauptes einmal Rechenschaft abzulegen haben über unsere Seelen (Vgl. Hebr. 13,17).

Sie werden auch um jene sich kümmern, denen die besondere Liebe unseres Erlösers galt: die Schwachen, Verwundeten und Kranken, ob sie natürlicher oder übernatürlicher Heilung bedürfen, die Kinder, deren Unschuld heute so leicht gefährdet, deren kleine Seele wie Wachs formbar ist, die Armen endlich, in denen unsere helfende Liebe mit innigem Mitleid die Person Jesu Christi selber erkennen soll.

So mahnt ja der Apostel mit vollem Recht: „Viel notwendiger sind jene Glieder des Leibes, die als die schwächeren erscheinen; und die, welche wir für die weniger achtunggebietenden ansehen, umkleiden wir mit reicherem Schmuck (1. Kor. 12,22f). Im Bewusstsein der Uns auferlegten hohen Amtspflicht glauben Wir diesen ernsten Satz heute erneut betonen zu müssen. Mit großem Schmerz erleben Wir es, wie körperlich Missgestaltete, Geistesgestörte und Erbkranke als Last der Gesellschaft zuweilen ihres Lebens beraubt werden, ja wie dies von manchen als neue Erfindung menschlichen Fortschritts und überaus gemeinnützige Tat angepriesen wird.

Doch welcher rechtlich Denkende sieht nicht, dass solche Auffassung nicht minder dem natürlichen und dem göttlichen, allen Herzen eingeschriebenen Gesetz (Vgl. Entscheid des heiligen Offiziums vom 2. Dezember 1940. AAS XXXII (1940), 553) als dem Empfinden jedweder höheren Menschlichkeit Hohn spricht? Das Blut derer, die unserem Erlöser gerade deswegen teurer sind, weil sie größeres Erbarmen (vgl. Gen. 4,10).

2.Vorbild dieser Liebe ist Christi Liebe

833 Damit aber jene echte Liebe, womit wir in der Kirche und ihren Gliedern unsern Erlöser erblicken müssen, nicht allmählich erlahme, ist es eine große Hilfe, wenn wir auf Jesus selbst, als höchstes Vorbild der Liebe zur Kirche schauen.

a) Weltweite Liebe

834 In erster Linie wollen wir die Weite seiner Liebe nachahmen. Gewiss ist die Braut Christi nur eine, die Kirche. Doch die Liebe des göttlichen Bräutigams ist so weit, dass sie niemand ausschließt und in der einen Braut das ganze Menschengeschlecht umfasst. Aus diesem Grund hat unser Erlöser sein Blut vergossen, um alle Menschen, so verschieden sie durch Abstammung und Volkszugehörigkeit sein mögen, in Seinem Kreuz mit Gott zu versöhnen und in einem Leibe zu einigen.

Wahre Liebe zur Kirche fordert darum nicht nur von uns, dass wir als Glieder desselben Leibes für einander einstehen (Vgl. Röm. 12,5; 1. Kor. 2,25), uns freuen sollen, wenn ein anderes Glied Ehre erfährt, und mitleiden sollen mit seinem Schmerz (Vgl. 1. Kor. 12,26), sondern dass wir zugleich die Menschen, die noch nicht im Leibe der Kirche mit uns vereint sind, als Christi Brüder dem Fleische nach betrachten sollen, die gleich uns zu demselben ewigen Heil berufen sind.

Leider gibt es heute mehr denn je Menschen, die mit Feindschaft, Hass und Missgunst hochmütig prahlen, als sei dies eine gewaltige Steigerung menschlicher Ehre und menschlicher Kraft. Wir sehen mit Schmerz die unheilvollen Früchte solcher Grundsätze vor uns. Lasst uns darum unserem Friedensfürsten folgen, der uns lehrte, nicht nur die zu lieben, die aus anderem Volk und Blut stammen als wir (Vgl. Luk 10,33-37), sondern selbst unsere Feinde (Vgl. Luk 6,23-35; Matth. 5,44-48).

Wir wollen, von der tröstlichen Überzeugung des Völkerapostels tief durchdrungen, mit ihm die Höhe und die Breite, die Erhabenheit und Tiefe der Liebe Christi besingen (vgl. Eph 3,18). Sie kann keine Verschiedenheit des Stammes und der Sitten schmälern, kein Ozean mit seinen gewaltigen Fluten hemmen, kein Krieg auflösen, sei er aus gerechtem oder ungerechtem Grund begonnen.

In dieser schweren Stunde, Ehrwürdige Brüder, in der so viel Schmerz den Körper, so viel Traurigkeit die Seele durchwühlt, müssen alle zu solch übernatürlicher Liebe aufgerufen werden. Die Kräfte aller Gutgesinnten – Wir denken besonders an jene, die in den verschiedensten Vereinigungen der Linderung der Not sich widmen – sollen sich verbinden, um in herrlichem Wetteifer von Güte und Erbarmen Abhilfe zu schaffen in so gewaltiger leiblicher und seelischer Not. So soll überall die wohltätige Weite des Mystischen Leibes Christi aufstrahlen und seine unerschöpfliche Segensfülle.

b) tatkräftige, wirkende Liebe

835 Der Weite der Liebe, womit Christus die Kirche umfing, entspricht deren ausdauernde Tatkraft, womit denn auch wir alle eifrig und beharrlich bemüht sein sollen, den Mystischen Leib Christi zu umhegen. Es gab im Leben unseres Erlösers keine Stunde, von der Menschwerdung an, womit er den Grund zu seiner Kirche legte, bis zum Ende Seines sterblichen Lebens, worin Er nicht um die Formung und Vollendung seiner Kirche bis zur Ermattung, obgleich Gottes Sohn, bemüht war, mit dem strahlenden Vorbild seiner Heiligkeit, in Predigten, Zwiegesprächen, Berufungen, Bestimmungen.

Es ist darum Unser Wunsch, es möchten alle, die in der Kirche ihre Mutter erkennen, eifrig erwägen, dass tatkräftige Mitarbeit zum Auferbauen und zum Wachstum des Mystischen Leibes Jesu Christi nach dem Maß ihrer Stellung Pflicht aller Glieder ist, nicht bloß der Diener des Heiligtums und jener, die sich Gott ganz im religiösen Leben geweiht haben.

Wir erwarten, dass dies ganz besonders jene beachten, wie sie es ja schon lobenswerterweise tun, die in den Kampfscharen der katholischen Aktion den Bischöfen und Priestern im apostolischen Amt ihre Mithilfe leihen, und jene, die zum gleichen Zweck in frommen Vereinigungen mitwirken. Wie bedeutungsvoll und wichtig ihrer aller tüchtige Mitarbeit in der gegenwärtigen Lage ist, sieht jeder.

Wir dürfen an dieser Stelle nicht schweigen von den Familienvätern und -müttern, denen unser Erlöser die zartesten Glieder Seines Mystischen Leibes anvertraut hat. Um ihrer Liebe zu Christus und zur Kirche willen bitten Wir sie innig, mit größter Sorgfalt über die ihnen zu treuen Händen übergebenen Kinder zu wachen und sie vor den mannigfachen Tücken, denen sie heute so leicht zum Opfer fallen, zu bewahren.

c) betende und fürbittende Liebe

836 In besonderer Weise aber hat unser Heiland seine glühende Liebe zur Kirche durch die innigen Gebete geoffenbart, die er an den Himmlischen Vater für sie richtete. Wie allen bekannt ist, Ehrwürdige Brüder, – um nur einiges in Erinnerung zu rufen – betete er kurz vor dem Kreuzestod aus ganzem Herzen für Petrus (Vgl. Luk. 22,32), für die übrigen Apostel (Vgl. Joh. 17,9-19) und dann für alle, die durch die Predigt des göttlichen Wortes an Ihn glauben würden (Vgl. Joh. 17,20-23).

Lasst uns darum in Nachahmung des Beispiels Christi täglich zum Herrn der Ernte flehen, er wolle Arbeiter senden in seine Ernte (Vgl. Matth. 9,38; Luk. 10,2). Täglich sollen unsere vereinten Bitten zum Himmel emporsteigen, um Gott alle Glieder des Mystischen Leibes Jesu Christi zu empfehlen, vor allem die Bischöfe, denen die Seelsorge über ihre Diözese anvertraut ist, sodann die Priester und Ordensleute, die zum ”Los des Herrn” berufen in der Heimat und im Heidenland das Reich des göttlichen Erlösers schützen, mehren und fördern.

Kein Glied des verehrungswürdigen Leibes Christi wollen wir in unserem gemeinsamen Beten vergessen. Auch jener lasst uns innig gedenken, die die Last der irdischen Verbannung besonders schmerzlich empfinden, oder die aus diesem Leben geschieden im läuternden Feuer gereinigt werden, schließlich derer, die in die Lehre Christi erst eingeführt werden, damit sie möglichst bald im Wasser der Taufe Erlösung finden.

837 Wir wünschen ferner sehnlichst, dieses gemeinsame Beten möge mit heißer Liebe auf die sich ausdehnen, die entweder von der Wahrheit des Evangeliums noch nicht erleuchtet und in die sichere Hürde der Kirche noch nicht eingetreten sind, oder welche von Uns, die Wir ohne Unser Verdienst die Stelle Jesu Christi hier auf Erden vertreten, durch unglückselige Spaltung im Glauben und in der Einheit getrennt sind. Lasst uns für sie das göttliche Gebet unseres Heilandes zum Vater im Himmel wiederholen: ”Auf dass alle eins sein mögen, wie Du Vater in mir und ich in Dir, dass auch sie in Uns eins seien, damit die Welt glaube, dass Du mich gesandt hast” (Joh. 17,21).

838 Wie Euch sicher bekannt ist, Ehrwürdige Brüder, haben Wir von Anfang Unseres Pontifikats an auch sie, die nicht zur sichtbaren Gemeinschaft der Katholischen Kirche gehören, Gottes Schutz und Leitung empfohlen und feierlich versichert, dass Uns in Nachahmung des Beispiels des guten Hirten nichts mehr am Herzen liegt, als dass auch sie das Leben haben und es in Fülle besitzen (Vgl. Pius XII., Rundschreiben Summi pontificatus AAS XXXI (1939), 419; vgl. Joh. 10,10).

Wir wünschen diese Unsere feierliche Versicherung durch diese Enzyklika, die der Ehre „des großen und glorreichen Leibes Christi” (Irenaeus, Adversus haereses IV, 33,7. PG 7, 1067) geweiht ist, zu wiederholen, nachdem Wir soeben um die Gebete der ganzen Kirche nachgesucht haben. Alle jene und jeden einzelnen von ihnen laden Wir mit liebendem Herzen ein, den inneren Antrieben der göttlichen Gnade freiwillig und freudig zu entsprechen und sich aus einer Lage zu befreien, in der sie des eigenen ewigen Heiles nicht sicher sein können (Vgl. Pius IX. Jam vos omnes, 13. September 1868. Acta Conc. Vat., CLVII 10).

Denn mögen sie auch aus einem unbewussten Sehnen und Wünschen heraus schon in einer Beziehung stehen zum Mystischen Leib des Erlösers, so entbehren sie doch so vieler wirksamen göttlichen Gnaden und Hilfen, deren man sich nur in der Katholischen Kirche erfreuen kann.

Möchten sie also eintreten in den Kreis der katholischen Einheit und alle mit uns in der gleichen Gemeinschaft des Leibes Jesu Christi geeint, an das eine Haupt sich wenden in ruhmreicher Liebesverbundenheit (Vgl. Gelasius I., Epist. XIV. 59, 89. In unablässigem Flehen zum Geiste der Liebe und der Wahrheit als Fremde, sondern als solche, die in ihr eigenes Vaterhaus heimkehren.

839 Doch wenn es auch Unser Wunsch ist, es möchte unaufhörlich dies Gemeinschaftsgebet des ganzen Mystischen Leibes um möglichst baldigen Eintritt aller Irrenden in die eine Hürde Jesu Christi zu Gott emporsteigen, so müssen Wir doch betonen, dass solch ein Schritt aus freiem Willensentschluss geschehen muss, da niemand glauben kann, der es nicht freiwillig tut (Vgl. Augustinus, Tractatus in Ioannis Evangelium XXVI 2. PL 30, 1607). Sollten also Menschen, die nicht glauben, wirklich zum Eintritt in den äußerlichen Bau der Kirche, zum Hintreten an den Altar und zum Empfang der Sakramente genötigt werden, so können dies gewiss keine wahren Christgläubigen sein (Vgl. Augustinus, loc. Cit.).

Denn der Glaube, ohne den man Gott unmöglich gefallen kann (Vgl. Hebr. 11,6), muss eine völlig freie „Hingabe des Verstandes und Willens” (Vatik. Konzil, Sess. III c. 3. Denzinger Nr. 1790) sein. Sollte daher einmal der Fall eintreten, dass jemand gegen die beständige Lehre dieses Apostolischen Stuhles (Vgl. Leo XIII., Rundschreiben Immortale Dei vom 1. November 1885. ASS XVIII (1885), 174-175; Cod. Iur. can. c. 1351) wider seinen Willen zum katholischen Glauben gezwungen würde, so müssen Wir dies im Bewusstsein Unserer Amtspflicht unbedingt zurückweisen.

Weil aber die Menschen einen freien Willen haben und ihre Freiheit infolge ihrer verkehrten Neigungen und Leidenschaften auch missbrauchen können, kann nur der Vater der Erleuchtung sie durch den Geist Seines Sohnes wirksam zur Wahrheit bewegen. Wenn also bedauerlicherweise so viele Menschen noch außerhalb der Wahrheit des katholischen Glaubens stehen und dem Walten der göttlichen Gnade ihre Freiheit nicht unterwerfen, so hat dies seinen Grund nicht nur darin, dass sie selbst (Vgl. Augustinus, loc. cit.), sondern auch darin, dass die Christgläubigen keine glühenderen Gebete um diese Gnade an Gott richten. Stets aufs neue wiederholen Wir darum Unsere Mahnung, dass alle in brennender Liebe zur Kirche und nach dem Beispiel des göttlichen Heilandes solche Gebete beharrlich verrichten.

840 Aber auch dies ist, zumal in der heutigen Zeitlage, angebracht, ja notwendig, dass für Könige und Fürsten und für alle Regierenden, die durch ihren Schutz von außen der Kirche beistehen können, innig gebetet wird, damit nach Herstellung einer gerechten Ordnung „der Friede als Werk der Gerechtigkeit” (Is. 32,17) von Gottes Liebe beseelt aus den trüben Fluten der Unwetter der müden Menschheit sich zeige und die liebevolle Mutter Kirche ein friedliches und ruhiges Leben führen könne in aller Frömmigkeit und Reinheit (vgl. 1. Tim. 2,2).

Man muss vor Gott darum anhalten, dass doch alle Lenker der Völker die Weisheit lieben möchten (Vgl. Weish. 6,23), so dass sie nie das furchtbare Urteil des Heiligen Geistes treffe:

„Fragen wird der Allerhöchste nach euern Werken und euere Gedanken wird er verhören, weil ihr als Walter seiner Gewalt ungerecht geurteilt, die Satzung der Gerechtigkeit nicht beobachtet habt, nach Gottes Willen nicht gewandelt seid. Schrecklich und überraschend wird er vor euch stehen: denn das härteste Gericht ergeht über die Obrigkeiten. Dem kleinen Mann wird Erbarmen zuteil, die Gewalthaber werden indes gewaltig geschlagen. Gott schont keinen ob seines Ranges, er fürchtet sich vor keiner Größe. Den Kleinen und den Großen, er hat alle gemacht und gleicherweise auf alle erstreckt sich seine Sorge; doch den Stärkeren droht stärkere Strafe. Euch, ihr Regenten, gilt dieses mein Wort, dass ihr Weisheit lernet und nie sie missachtet“ (Weish. 6, 4-10).

d) sühnende und opfernde Liebe

841 Christus der Herr hat seine Liebe zu seiner unberührten Braut jedoch nicht allein durch unermüdliches Wirken und beharrliches Beten geoffenbart, sondern auch durch die Leiden und Qualen, die er aus freiwilliger Liebe für sie auf sich nahm. ”Da er die seinen liebte … liebte er sie bis ans Ende” (Joh. 13,1). Nur durch sein Blut hat er die Kirche erkauft (Vgl. Apg. 20,28). So lasst uns, wie es die Sicherstellung unseres Heiles verlangt, frei den blutigen Spuren unseres Königs folgen: „Denn wenn wir zur Ähnlichkeit mit Seinem Tode verwachsen sind, werden wir es zugleich mit seiner Auferstehung sein” (Röm. 6,5), und „wenn wir mit gestorben sind, werden wir auch mit leben” (2. Tim. 2,11).

Dies heischt von uns zugleich eine echte und tätige Liebe zur Kirche und zu den Seelen, die sie für Christus gebiert. Zwar hat unser Heiland seiner Kirche durch das bittere Leiden und den bitteren Tod einen geradezu unendlichen Schatz von Gnaden verdient. Doch diese Gnaden werden uns nach Gottes weisem Rat nur zu Teilen zugedacht; ihre größere oder geringere Fülle hängt nicht wenig auch von unseren guten Werken ab, durch die der von Gottes Huld gespendete Gnadenregen auf die Seelen der Menschen herabgezogen wird.

Er wird sicherlich in reicher Fülle strömen, wenn wir nicht nur eifrig zu Gott beten und besonders am heiligen Messopfer womöglich täglich andächtig teilnehmen, nicht nur in christlicher Liebespflicht die Not so vieler Bedürftigen zu lindern versuchen, sondern vor allem, wenn wir den vergänglichen Gütern dieser Welt die ewigen vorziehen, wenn wir diesen sterblichen Leib durch freiwillige Buße in Zucht halten, ihm Unerlaubtes versagen und auch Hartes und Raues ihm abfordern, wenn wir endlich die Mühen und Leiden des gegenwärtigen Lebens wie aus Gottes Hand ergeben annehmen.

So werden wir gemäß dem Wort des Apostels ”an unserem Fleische ergänzen, was an dem Leiden Christi noch fehlt für seinen Leib, die Kirche” (Vgl. Kol. 1,24).

842 Während Wir dies schreiben, steht vor Unseren Augen eine, ach fast unendliche Schar von Bedrängten, deren Schmerz Wir innig mitfühlen. Es sind die Kranken, die Armen, die Krüppel, die Witwen und Waisen, und viele, die am eigenen Leid oder an dem der Ihrigen oft bis zur Erschöpfung tragen. Sie alle ermuntern Wir mit der Liebe eines Vaters, was immer der Grund ihrer Leiden und Drangsale sein mag, sie mögen voll Vertrauen emporblicken zum Himmel und ihre Not Dem darbringen, Der ihnen einst reichen Lohn dafür spenden wird.

Mögen alle sich erinnern, dass ihr Dulden nicht eitel ist, sondern ihnen selbst und der Kirche zugleich großen Segen bringt, wenn sie es in solcher Absicht gelassen auf sich nehmen. Zur größeren Wirksamkeit dieser Absicht trägt sicherlich ungemein viel die täglich erneuerte Selbsthingabe an Gott bei, wie sie die Mitglieder jener frommen Vereinigung üben, die unter dem Namen Gebetsapostolat bekannt ist. Wir legen Wert darauf, den Gott so wohlgefälligen Bund in diesem Zusammenhang herzlich zu empfehlen.

843 Sollen wir schon zu jeder Zeit um des Heiles der Seelen willen unsere Leiden mit denen des göttlichen Erlösers vereinen, so muss dies heute, Ehrwürdige Brüder, allen ein Gebot sein, indes die furchtbare Kriegsfackel fast den ganzen Erdkreis in Brand steckt und so viel Tod, Elend und Not schafft.

Ebenso muss es heute in besonderer Weise ein Gebot der Stunde sein, sich der Laster, der Verführungen der Welt und der körperlichen Ausschweifungen zu enthalten, ja selbst von allem jenem irdischen Tand, dem keinerlei Bedeutung für die christliche Formung der Seele und für unser himmlisches Endziel zukommt.

Vielmehr müssen wir das ernste Wort Unseres unsterblichen Vorgängers Leo des Großen einprägen, dass wir durch die Taufe zum Fleisch des Gekreuzigten wurden (Vgl. Leo Magnus, Sermo LXIII 6; PL 54, 357 und 366), und das herrliche Gebet des heiligen Ambrosius: „Trage mich (Christus) auf deinem Kreuz, das heilsam ist für die Verirrten, in dem allein Ruhe ist für die Wegesmüden, in dem allein Leben sein wird für alle, die sterben müssen” (Ambrosius, In Psalm. 113, 12, 30. PL 15, 1521).

Schluss:

1. Erneute Mahnung zur Liebe gegenüber der Kirche

844 Bevor Wir nun schließen, fühlen Wir Uns gedrängt, wieder und wieder alle zu ermahnen, dass sie die gütige Mutter Kirche lieben mit herzlicher, tätiger Liebe. Für ihre Unversehrtheit und ihr reiches, blühendes Wachstum lasst uns täglich dem Ewigen Vater unser Beten, Schaffen und Leiden darbringen, sofern uns wirklich das Heil der gesamten Menschenfamilie zu Herzen geht, die durch göttliches Blut erlöst ist.

Indes die jagenden Wolken den Himmel verdüstern, indes der gesamten Gesellschaft und der Kirche selbst gewaltige Fährnisse drohen, lasst uns dem Vater der Erbarmungen uns und alles Unsere mit dem Gebet vertrauen: ”Sieh’ hernieder o Herr, wir bitten dich, auf diese deine Familie, für die unser Herr Jesus Christus ohne Bedenken den Händen der Henker sich hingab und Kreuzesqual auf sich nahm” (Offiz. Der Karwoche).

2. Maria, die Mutter aller Glieder des mystischen Leibes und das Vorbild unserer Liebe

845 Möge die jungfräuliche Gottesmutter, Ehrwürdige Brüder, diesen Unseren Wünschen gewiss auch die Euern sind, zur Verwirklichung helfen und allen eine unverfälschte Liebe zur Kirche erflehen! Ihre hochheilige Seele war mehr als alle andern von Gott geschaffenen Seelen vom göttlichen Geiste Jesu Christi erfüllt.

Sie hat ihre Zustimmung gegeben „im Namen der ganzen menschlichen Natur”, dass „sich zwischen dem Sohn Gottes und der Menschennatur eine Art geistlicher Ehe vollzog“ (Thomas von Aquin, Sum. theol. III, q. 30, a. 1).

Sie hat Christus den Herrn, der schon in ihrem jungfräulichen Schoße mit der Hoheit des Hauptes in der Kirche gekrönt war, in Wundern geboren, den Quell allen himmlischen Lebens.

Sie hat den Neugeborenen denen, die ihm aus Juden- und Heidenland die erste Anbetung zollten, als Prophet, König und Priester dargereicht. Ihr Einziggeborener hat auf ihre Mutterbitte „zu Kana in Galiläa” das Wunderzeichen gewirkt, auf das hin „seine Jünger an ihn glaubten”. (Joh. 2,11)

Sie hat, frei von jeder persönlichen oder erblichen Verschuldung und immer mit ihrem Sohn aufs innigste verbunden, Ihn auf Golgotha zusammen mit dem gänzlichen Opfer ihrer Mutterrechte und ihrer Mutterliebe dem Ewigen Vater dargebracht als neue Eva für alle Kinder Adams, die von dessen traurigem Fall entstellt waren.

So ward sie, schon zuvor Mutter unseres Hauptes dem Leibe nach, nun auch auf Grund eines neuen Titels des Leids und der Ehre im Geiste Mutter aller seiner Glieder. Sie war es, die durch ihre mächtige Fürbitte erlangte, dass der schon am Kreuz geschenkte Geist des göttlichen Erlösers am Pfingsttag der neugeborenen Kirche in wunderbaren Gaben gespendet wurde.

Sie hat endlich dadurch, dass sie ihr namenloses Leid tapfer und vertrauensvoll trug, mehr als alle Christgläubigen zusammen, als wahre Königin der Märtyrer, „ergänzt, was an den Leiden Christi noch fehlt … für seinen Leib, die Kirche”. (Kol. 1,24) Sie hat den geheimnisvollen Leib Christi, der aus dem durchbohrten Herzen des Heilands geboren ward (Vgl. Hymnus aus der Vesper des Herz-Jesu-Festes.) mit derselben innigen Mutterliebe und Sorge begleitet, womit sie das Jesuskind in der Krippe und an ihrer Brust umhegte und nährte.

846 Ihrem Unbefleckten Herzen haben Wir vertrauensvoll alle Menschen geweiht. Möge sie, die hochheilige Mutter aller Glieder Christi, (Vgl.. Pius X. Rundschreiben Ad diem illum vom 2. Februar 1904. ASS XXXVI (1903 bis 1904), 453) strahlend jetzt in der Himmelsglorie mit Leib und Seele und herrschend droben mit ihrem Sohn, von ihm inständig erflehen, dass reiche Ströme der Gnade unaufhörlich herabfließen vom erhabenen Haupt auf alle Glieder des geheimnisvollen Leibes. Möge sie mit ihrer wirksamen Fürsprache wie in vergangenen Zeiten, so heute die Kirche schützen und ihr, sowie der ganzen Menschheit endlich friedlichere Zeiten von Gott erlangen.

Von dieser übernatürlichen Hoffnung getragen spenden Wir als Unterpfand himmlischer Gnaden und als Zeugnis Unseres besonderen Wohlwollens Euch allen und jedem einzelnen, Ehrwürdige Brüder, sowie der jedem von Euch anvertrauten Herde aus ganzem Herzen den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom, bei St. Peter,am 29. Juni, dem Fest Peter und Paul im Jahre 1943,

im fünften Unseres Pontifikats

Pius XII. PP.

aus: Anton Rohrbasser, Heilslehre der Kirche, 1953, S. 502 – S. 526

Enzyklika Mystici Corporis Christi Teil 1

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