Enzyklika Divini redemptoris – Heilmittel gegen den Kommunismus
von Papst Pius XI. v. 19. März 1937
(Offizieller lateinischer Text: AAS XXIX [1937] 66-106)
Inhaltsverzeichnis
IV. Heil- und Hilfsmittel für das Rettungswerk
1. Notwendigkeit des Einsatzes geeigneter Rettungsmittel, 203.
2. Das entscheidende Heilmittel: Erneuerung des persönlichen und öffentlichen Lebens im Geiste des Evangeliums, 204.
a) Ansätze der Erneuerung – inmitten großer Äußerlichkeit, 205-206.
b) Zwei wichtige Lehren des Evangeliums für wahre Erneuerung
α) Losschälung von den irdischen Gütern, 207-209.
β) Das Gebot der Liebe, 210-219
1. Beispiele der wahren Liebe, 210.
2. Die Liebe fordert Taten, 211.
3. Die Liebe fordert Selbstlosigkeit und Opfer, 212.
4 Die Liebe fordert Erfüllung der Gerechtigkeit, 213
a) Der strengen Gerechtigkeit, 214-215.
b) Der sozialen Gerechtigkeit, 216-219.
3. Hilfsmittel
a) Studium und Verbreitung der christlichen Gesellschaftslehre – Mitarbeit der Presse, 220-221.
b) Obacht vor den Schlichen des Kommunismus, 222-223.
c) Vor allem Gebet mit Buße, 224.
V. Organe und Helfer für das Rettungswerk – Aufrufe zur Mitarbeit
1. Organe
a) Die Priester
α) Unter Führung der Oberhirten, 225.
β) Seelsorgliches Gehen zum Arbeiter, 226.
γ) Wichtigste Aufgabe: Zurückgewinnung der Arbeitermassen, 227.
δ) Wirksamste Weise des Apostolats: das Beispiel, 228.
b) Die Katholische Aktion
α) Soziales Apostolat, 229.
β) Notwendigkeit der Schulung dazu, 230.
γ) Religiöse Einzelbetreuung der Arbeiter unter der Leitung geeigneter Priester, 231.
δ) Verbreitung der Grundsätze christlicher Gesellschaftsordnung, 232.
2. Helfer
a) Hilfsvereine, 233.
b) Standesvereinigungen, 234.
3. Aufrufe zur Mitarbeit
a) An die katholischen Arbeiter, 235
b) An alle Katholiken, mit der dringenden Bitte zur Eintracht, 236
c) An alle Gottgläubigen, 237.
VI. Die Mitarbeit des Staates
1. Der Ruf der Kirche an die Staaten zur Mitarbeit, 238.
2. Die dem Staat eigenen Mittel, 239-244.
a) Sorge für eine religiöse Grundlage der Gesellschaft, 239.
b) Sorge für gute materielle Lebensbedingungen, 240.
c) Sorge für kluge, maßvolle Verwaltung auf allen Gebieten, 241.
d) Sorge für frei Ausübung der kirchlichen Tätigkeit, 242-244.
Schluss
Väterliche Worte an die Irrenden, 245.
Der hl. Josef, Vorbild und Schutzherr, 246.
Aufblick zu Christus, der alles neu macht, 247.
Enzyklika Divini redemptoris – Die Heilmittel gegen den Kommunismus (Teil 2)
IV. Heil- und Hilfsmittel für das Rettungswerk
Notwendigkeit des Einsatzes geeigneter Rettungsmittel
203. Das ist, Ehrwürdige Brüder, die Lehre der Kirche, die einzige, die imstande ist, wie auf jedem andern Gebiet, so auch auf dem sozialen, das wahre Licht zu bringen, die einzige, die Rettung verspricht gegenüber den kommunistischen Ideen. Aber es ist notwendig, dass diese Lehre im Leben ausgeführt wird, nach der Mahnung des Apostels Jakobus: „Seid Vollstrecker des Wortes und nicht bloß Hörer, indem ihr euch selber täuschet“ [Jak. 1, 21]. Was deshalb gegenwärtig vor allem drängt, ist der kraftvolle Einsatz geeigneter Mittel, um wirksam dem bedrohlich sich vorbereitenden Umsturz zu begegnen.
Wir haben das feste Vertrauen, dass zum wenigsten jene Leidenschaft, mit der die Söhne der Finsternis Tag und Nacht in ihrer materialistischen und atheistischen Propaganda tätig sind, die Söhne des Lichtes zu einem gleichen heiligen Eifer zu entflammen vermag, ja zu einem noch größeren, zur Ehre der göttlichen Majestät.
Was ist also zu tun, und welche Mittel sind anzuwenden, um Christus und die christliche Kultur gegen jenen furchtbaren Feind zu verteidigen? Wie ein Vater im Kreise seiner Familie, so möchten Wir nun vertraulich über die Pflichten sprechen, die der Großkampf unserer Tage den Kindern der Kirche auferlegt, und dabei wollen Wir mit väterlichem Empfinden uns auch an jene wenden, die sich von ihr getrennt haben.
Das entscheidende Heilmittel: Erneuerung des persönlichen und öffentlichen Lebens im Geiste des Evangeliums
204. Wie in allen Zeiten, auch in den sturmbewegtesten der Kirchengeschichte, so besteht auch heute das entscheidende Heilmittel in einer aufrichtigen Erneuerung des privaten und des öffentlichen Lebens nach den Grundsätzen des Evangeliums bei all denen, die sich rühmen, zur Herde Christi zu gehören, damit sie in Wahrheit das Salz der Erde seien, das die menschliche Gesellschaft vor der völligen Zersetzung bewahrt.
Ansätze der Erneuerung – inmitten großer Äußerlichkeit
205. Mit innigstem Dank gegen den Vater des Lichtes, von dem „jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk“ [Jak. 1, 17] herabsteigt, erblicken wir überall tröstliche Zeichen einer geistlichen Erneuerung, nicht bloß in so vielen besonders auserwählten Seelen, die in diesen letzten Jahren sich zum Gipfel der höchsten Heiligkeit erhoben haben und darüber hinaus in einer ständig wachsenden Zahl von Menschen, die hochherzig dem gleichen leuchtenden Ziel zuschreiten, sondern auch in dem Wiederaufblühen einer Frömmigkeit der Gesinnung und Tat in allen Kreisen der Gesellschaft, auch bei den gebildetsten, wie Wir das kürzlich in Unserem Motu proprio In Multis Solaciis vom 28. Oktober des letzten Jahres gelegentlich der Neuordnung der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften hervorgehoben haben. [AAS, 1936, 421-424.]
206 Man kann indes nicht leugnen, dass noch viel zu tun übrig bleibt auf diesem Wege einer geistlichen Erneuerung. Auch in katholischen Ländern gibt es noch viel zu viele, die nur dem Namen nach Katholiken sind; viel zu viele, die wohl mehr oder weniger treu die wesentlichsten Pflichten der Religion erfüllen, zu der sie sich stolz bekennen, die sich aber nicht bemühen, sie näher kennenzulernen, ihre Überzeugung zu verinnerlichen und zu vertiefen, noch viel weniger aber dahin zu gelangen, dass dem äußeren Verhalten der innere Glanz eines guten und reinen Gewissens entspreche, das alle seine Pflichten kennt und erfüllt im Hinblick auf Gott, den Allwissenden.
Wir wissen, wie sehr der göttliche Erlöser die leere und trügerische Äußerlichkeit verabscheut, Er, der wollte, dass alle den Vater anbeten „im Geiste und in der Wahrheit“ [Joh. 4, 23]. Wer nicht wirklich aufrichtig nach dem Glauben lebt, den er bekennt, der wird heute, wo der Sturm des Kampfes und der Verfolgung so mächtig tobt nicht lange standhalten. Er wird elendiglich fortgerissen von dieser neuen Flut, und während er selber auf solche Weise seinem eigenen Untergang zustrebt, wird er den christlichen Namen dem Gespött preisgeben.
Zwei wichtige Lehren des Evangeliums für wahre Erneuerung
Losschälung von den irdischen Gütern
207. Und hier wollen Wir nun, Ehrwürdige Brüder, mehr im einzelnen auf zwei Lehren unseres Herrn eingehen, die für die heutige Lage der Menschheit von besonderer Bedeutung sind: die Losschälung von den irdischen Gütern und das Gebot der Liebe. „Selig die Armen im Geiste“ [Mt. 5, 3], das waren die ersten Worte unseres göttlichen Meisters in seiner Bergpredigt. Dieser Lehre bedarf mehr als je diese Zeit des Materialismus, die sich gierig auf die Güter und die Freuden dieser Erde stürzt.
Alle Christen, ob reich, ob arm, müssen immer ihren Blick auf den Himmel gerichtet halten, eingedenk der Worte, dass wir „hier keine bleibende Stätte haben, sondern eine zukünftige suchen“ [Hebr. 13, 14].
Die Reichen sollen nicht ihr Glück auf die Schätze dieser Erde gründen, noch ihre besten Kräfte auf ihren Erwerb richten. Vielmehr sollen sie sich bloß als Verwalter betrachten, die wissen, dass sie einmal davon Rechenschaft ablegen müssen vor dem höchsten Herrn, und ihre Güter nur als kostbare Mittel betrachten, die Gott ihnen geschenkt hat, auf dass sie Gutes damit wirken; sie mögen ferner nicht aufhören, von ihrem Überfluss den Armen abzugeben, wie das Evangelium es befiehlt [Lk. 11,41]. Sonst wird sich an ihnen und an ihren Reichtümern das ernste Wort des heiligen Apostels Jakobus erfüllen:
„Nun denn, ihr Reichen, weinte und heulte in den Drangsalen, die über euch kommen. Vermodert ist ja euer Reichtum, und eure Kleider sind zerfressen von den Motten. Euer Gold und Silber ist verrostet; es wird ihr Rost noch gegen euch zeugen und euern Leib wie Feuer fressen. Reichtümer des Zornes habt ihr gesammelt für den Jüngsten Tag!“ [Jak.. 5, 1-4]
209. Aber auch die Armen müssen ihrerseits, wenn sie sich das Notwendige nach den Gesetzen der Liebe und der Gerechtigkeit erwerben und auch, wenn sie an die Verbesserung ihrer Lage denken, „Arme im Geiste“ [Mt. 5, 3] bleiben, die geistlichen Güter höher schätzen als die Güter und Freuden dieser Welt. Sie mögen dann nicht vergessen, dass es niemals gelingen wird, Elend, Schmerz und Trübsal von dieser Erde zu verdrängen, leiden doch auch jene darunter, denen dem äußern Anschein nach ein so viel glücklicheres Los zugefallen ist. Und so bedürfen alle der Geduld, jener christlichen Geduld, die das Herz erhebt zu den göttlichen Verheißungen eines ewigen Glückes:
„Seid daher geduldig, Brüder, bis der Herr kommt“, sagen Wir euch wiederum mit dem heiligen Jakobus, „Siehe, auch der Landmann wartet auf die köstliche Frucht dieser Erde. Er wartet in Geduld, bis er den Frühregen und den Spätregen erhalten hat. Seid daher auch ihr geduldig, und richtet eure Herzen auf, denn die Ankunft des Herrn ist nahe.“ [Jak. 5, 7.8] Nur so wird sich die tröstliche Verheißung des Herrn erfüllen: „Selig die Armen!“
Das ist ein Trost und eine Verheißung, nicht leer, wie es die Versprechungen der Kommunisten sind; vielmehr sind es Worte des Lebens, die vollste Wirklichkeit enthalten und sich restlos erfüllen werden hier auf Erden und später in der Ewigkeit. Wie viele Arme finden tatsächlich in diesen Worten und in der Erwartung des Himmelreiches, das ja bereits als ihr Eigentum verkündet worden ist: „denn ihrer ist das Gottesreich“ [Lk. 6, 20], ein Glück, wie es viele Reiche in ihrem Reichtum nicht finden, sind sie doch immer unruhig und dürsten sie doch immer nach mehr.
Das Gebot der Liebe
Beispiele der wahren Liebe
210 Wichtiger noch oder gewiss noch unmittelbarer für die Heilung des Übels bestimmt, von dem Wir handeln, ist das Gebot der Liebe. Wir denken an jene christliche Liebe, die „geduldig und gütig“ [1. Kor. 13, 4] ist, die jegliche gönnerhafte Herablassung und jegliches Aufsehen meidet; diese Liebe, die seit den Anfängen des Christentums die Ärmsten der Armen, die Sklaven, für Christus gewann.
Wir danken allen jenen, die in den Einrichtungen der Caritas, angefangen von den Konferenzen des heiligen Vinzenz von Paul bis zu den großen neueren Organisationen der sozialen Hilfe die Werke der leiblichen und der geistlichen Barmherzigkeit geübt haben und die noch darin tätig sind. Je mehr die Arbeiter und Armen an sich selbst erfahren, was es ist um den Geist einer in Christus für sie tätigen Liebe, um so mehr werden sie von dem Vorurteil befreit werden, es habe das Christentum seine Kraft verloren und es stehe die Kirche auf Seite derer, die ihre Arbeit ausbeuten.
Die Liebe fordert Taten
211 Sehen Wir aber einerseits eine Masse von Bedürftigen, die von einem Elend, an dem sie ganz unschuldig sind, im eigentlichen Sinne zu Boden gedrückt sind, und anderseits neben ihnen so viele, die sich leichtsinnigen Vergnügungen überlassen und ungeheure Summen verschwenden, so müssen Wir schmerzerfüllt feststellen, dass man nicht nur von der Gerechtigkeit abgewichen ist, sondern dass auch das Gebot der christlichen Liebe nicht in seiner Tiefe erfasst und nicht praktisch gelebt wird Tag für Tag.
Wir wünschen daher, Ehrwürdige Brüder, dass dieses göttliche Gebot in Wort und Schrift mehr und mehr erläutert werde; es ist doch das kostbare Erkennungszeichen, das Christus seinen echten Jüngern hinterlassen hat. Dieses Gebot lehrt uns, in den Leidenden Christus selbst zu sehen. Es befiehlt uns, unsere Brüder zu lieben, so wie der göttliche Erlöser uns geliebt hat, also bis zum Opfer unserer selbst, und wenn es sein soll, auch des eigenen Lebens. Es mögen dann alle oftmals jene teils tröstenden, andernteils aber furchtbaren Worte des Endurteils betrachten, die der höchste Richter am Tage des letzten Gerichtes sprechen wird:
„Kommet ihr Gesegneten meines Vaters …; denn ich war hungrig, und ihr habt mich gespeist; ich war durstig, und ihr habt mich getränkt … Wahrlich, ich sage euch, alles, was ihr dem geringsten meiner Brüder getan, das habt ihr mir getan. [Mt. 25, 34-40] Im Gegensatz aber dazu: „Weichet von mir, ihr Verfluchten, ins ewige Feuer …; denn ich war hungrig, und ihr habt mich nicht gespeist; ich war durstig, und ihr habt mich nicht getränkt … Wahrlich, ich sage euch, was ihr dem geringsten meiner Brüder nicht getan, das habt ihr mir nicht getan“. [Mt. 25, 41-45]
Die Liebe fordert Selbstlosigkeit und Opfer
212. Um also das ewige Leben sicherzustellen und um tatsächlich den Bedürftigen wirksame Hilfe leisten zu können, muss man zurückkehren zu einer bescheidenen Lebensform. Man muss lernen auf Genüsse zu verzichten, die oft genug auch sündhaft sind, wie die Welt sie heute im Überfluss bietet. Man muss sich selbst vergessen in der Liebe zum Nächsten. Eine göttliche Kraft der Wiedergeburt liegt in diesem „neuen Gebot“ [Joh. 13, 34] der christlichen Liebe (wie Christus es nennt). Seine treue Beobachtung wird in die Herzen einen inneren Frieden gießen, wie die Welt ihn nicht kennt, und wirksam die Übel heilen, an denen die Menschheit krankt.
Die Liebe fordert Erfüllung der Gerechtigkeit
213. Niemals aber wird die Liebe echt sein, wenn sie nicht stets auch der Gerechtigkeit genügt. Der Apostel lehrt: „Wer seinen Nächsten liebt, hat das Gesetz erfüllt“, und er begründet das auch; denn „Du sollst nicht Unzucht treiben, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen … und jedwedes andere Gebot ist in dem einen Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst“ [Röm. 13, 8f]. Wenn also nach dem Apostel alle Pflichten auf das eine Gebot der wahren Liebe zurückgehen, dann auch jene, die von der strengen Gerechtigkeit gefordert werden, wie z. B. nicht töten, nicht stehlen.
Der strengen Gerechtigkeit
214. Eine Liebe, die dem Arbeiter den Lohn vorenthält, auf den er ein strenges Recht hat, ist keine Liebe, sondern nur ein eitles Wort und ein leerer Schein von Liebe. Der Arbeiter hat es nicht nötig, als Almosen zu empfangen, was ihm von Rechts wegen zusteht. Es geht auch nicht an, sich von den schweren Pflichten der Gerechtigkeit freikaufen zu wollen durch kleine Gaben der Barmherzigkeit. Liebe und Gerechtigkeit legen Pflichten auf, die oft die gleiche Sache betreffen, aber unter verschiedenem Gesichtspunkt. Die Arbeiter sind hinsichtlich der Pflichten anderer ihnen gegenüber mit Recht sehr feinfühlig, haben doch auch sie ihre Würde.
215. Deshalb wenden Wir uns in besonderer Weise an Euch, christliche Arbeitgeber und Unternehmer, deren Aufgabe oft so schwierig ist. Ihr seid ja noch belastet mit dem Erbe von Irrtümern einer ungerechten Wirtschaftsführung, die ihren zersetzenden Einfluss Generationen hindurch ausgeübt hat. Seid eingedenk eurer Verantwortung!
Leider ist es wahr, dass auch das Verhalten gewisser katholischer Kreise dazu beigetragen hat, das Vertrauen des arbeitenden Volkes zur Religion Jesu Christi zu erschüttern. Diese wollten nicht begreifen, dass die christliche Nächstenliebe auch die Anerkennung gewisser Rechte verlangt, die dem Arbeiter zustehen und die ihm die Kirche ausdrücklich zuerkannt hat.
Was soll man dazu sagen, dass irgendwo katholische Arbeitgeber die Verlesung der Enzyklika Quadragesimo anno in ihren Patronatskirchen zu verhindern wussten? Was soll man dazu sagen, dass katholische Arbeitgeber bis auf den heutigen Tag sich als Feinde einer von Uns selbst befürworteten christlichen Arbeiterbewegung bewiesen haben? Und ist es nicht beklagenswert, dass das Recht auf Eigentum, das die Kirche anerkennt, mitunter dazu benutzt wurde, um den Arbeiter um seinen gerechten Lohn und um seine sozialen Rechte zu bringen?
Der sozialen Gerechtigkeit
216. In der Tat gibt es außer der strengen ausgleichenden Gerechtigkeit, die ihrerseits Pflichten auferlegt, denen sich weder Arbeitgeber noch Arbeitnehmer entziehen können. Es ist gerade der sozialen Gerechtigkeit eigen, von den einzelnen all das zu fordern, was zum Gemeinwohl notwendig ist, wenn man nicht den einzelnen Teilen und den einzelnen Gliedern all das zugesteht, was sie für die Ausübung ihrer Funktionen brauchen, so kann auch für den sozialen Organismus und für das Wohl der ganzen Gesellschaft nicht hinreichend gesorgt werden, wenn man nicht den einzelnen Teilen und den einzelnen Gliedern, d. h. Menschen, die mit der Würde der Persönlichkeit ausgestattet sind, all das gibt, was sie für ihre sozialen Funktionen vonnöten haben.
Wenn ebenfalls den Forderungen der sozialen Gerechtigkeit Genüge getan wird, so entwickelt sich als Frucht in Ruhe und Ordnung eine gesteigerte Tätigkeit auf dem ganzen Gebiete des wirtschaftlichen Lebens und wird so die Gesundheit des sozialen Organismus zeigen, wie ja auch die Gesundheit des menschlichen Körpers an einer ungestörten und doch vollen und fruchtreichen Tätigkeit des ganzen Organismus erkannt wird.
217. Man wird jedoch nicht sagen können, der sozialen Gerechtigkeit sei Genüge geschehen, wenn dem Arbeiter nicht der eigene Unterhalt und der seiner Familie gesichert ist durch einen Lohn, der diesem Zweck entspricht; wenn man, um dem Unglück eines allgemeinen Pauperismus vorzubeugen, es ihm nicht leicht macht, ein bescheidenes Vermögen zu erwerben; wenn man nicht vorsorgt zu seinen Gunsten, sei es durch öffentliche oder private Versicherungen, für die Zeit des Alters, der Krankheit oder der Beschäftigungslosigkeit. Mit einem Wort, um zu wiederholen, was Wir in Unserer Enzyklika Quadragesimo anno gesagt haben:
„Dann erst besteht eine wirkliche, ihren Sinn erfüllende Volkswirtschaft, wenn allen Gliedern des Wirtschaftsvolkes alle die Güter zur Verfügung stehen, die nach dem Stande der Ausstattung mit natürlichen Hilfsquellen, der Produktionstechnik und der gesellschaftlichen Organisation des Wirtschaftslebens geboten werden können. So reichlich sollten sie bemessen sein, dass sie nicht bloß zur lebensnotwendigen und sonstigen ehrbaren Bedarfsbefriedigung ausreichen, sondern den Menschen die Entfaltung eines veredelten Kulturlebens ermöglichen, das, im rechten Maße genossen, dem tugendlichen Leben nicht nur nicht abträglich, sondern im Gegenteil förderlich ist.“
218. Wenn sodann, wie es immer häufiger in der Lohnfrage vorkommt, die einzelnen nicht mehr imstande sind, der Gerechtigkeit zu genügen, es sei denn, dass sich alle verständigen, sie gemeinsam zu üben mittels Einrichtungen, welche die Arbeitgeber untereinander verbinden sollen, um so einen Konkurrenzkampf untereinander zu vermeiden, der unvereinbar wäre mit der den Arbeitern geschuldeten Gerechtigkeit, so ist es Pflicht der Unternehmer und Arbeitsherren, solche notwendigen Einrichtungen zu unterhalten und zu fördern, weil sie dann das normale Mittel zur Erfüllung der Gerechtigkeit werden. Aber auch die Arbeiter mögen der Pflichten der Liebe und der Gerechtigkeit gegenüber ihren Arbeitgebern eingedenk bleiben und überzeugt sein, dass sie damit auch ihre eigenen Interessen besser schützen.
219. Wenn man sodann das Ganze des Wirtschaftslebens in Betracht zieht – wie Wir das in dem schon erwähnten Rundschreiben Quadragesimo anno getan haben -, so wird es unmöglich sein, das gegenseitige Zusammenwirken von Gerechtigkeit und Liebe in den wirtschaftlich-sozialen Beziehungen zur Herrschaft zu bringen, es sei denn mit Hilfe einer Körperschaft von beruflichen und zwischen beruflichen Institutionen auf christlicher Grundlage, die untereinander verbunden sind und unter je nach Ort und Umständen verschiedenen Formen eben das bilden, was man eine Korporation nennt.
Hilfsmittel
Studium und Verbreitung der christlichen Gesellschaftslehre – Mitarbeit der Presse
220. Um dieser sozialen Aktion einen größeren Erfolg zu sichern, ist es dringend notwendig, das Studium der sozialen Probleme im Lichte der Lehre der Kirche zu fördern und die Unterweisungen in derselben unter der Leitung der von Gott in der Kirche eingesetzten Autorität zu verbreiten. Wenn das Verhalten mancher Katholiken auf wirtschaftlich-sozialem Gebiet zu wünschen übrig ließ, so kam das häufig daher, dass sie die Lehren der Päpste über diesen Gegenstand nicht genügend gekannt und erwogen haben.
Daher ist es äußerst notwendig, dass in allen Gesellschaftskreisen jene tiefere den verschiedenen Kulturstufen entsprechende Sozialbildung gefördert werde, und dass mit allem Eifer und Fleiß für die möglichste Verbreitung der sozialen Lehren der katholischen Kirche auch in der Arbeiterklasse gesorgt werde. Es mögen die Menschen erleuchtet werden durch das sichere Licht der katholischen Lehre und ihr Wille geneigt, sie auszuführen und anzuwenden als eine Norm richtiger Lebensführung.
So werden sie dann jenen inneren Widersprüchen und dem Mangel an Folgerichtigkeit im christlichen Leben, den Wir mehrfach beklagt haben, entgegenwirken; denn manche führen, während sie anscheinend ihre religiösen Pflichten treu erfüllen, dennoch auf dem Gebiete der Arbeit, der Industrie, des Berufes, des Handels, ihres Amtes in beklagenswertem doppeltem Gewissen ein Leben, das den so klaren Normen der christlichen Gerechtigkeit und Liebe allzu sehr widerspricht. So werden sie zu einem schweren Ärgernis für die Schwachen im Glauben und geben den Bösen leicht eine Handhabe, die Kirche selber deshalb in Verruf zu bringen.
221. Einen wichtigen Beitrag zu dieser Erneuerung kann die katholische Presse leisten. Sie kann und muss in erster Linie auf mannigfaltige und anziehende Weise dafür sorgen, dass die Soziallehre immer besser verstanden werde. Sie soll sachlich genau, aber auch mit hinreichender Ausführlichkeit über die Tätigkeit der Feinde unterrichten und die Kampfmittel darlegen, die sich in verschiedenen Ländern als die wirksamsten erwiesen haben. Sie soll gute Ratschläge erteilen und warnen vor den Listen und Schlichen, mit denen die Kommunisten gutgläubige Menschen nicht ohne Erfolg herüberzuziehen suchen.
Obacht vor den Schlichen des Kommunismus
222. Auf diesen Punkt haben Wir schon bei Unserer Allokution vom 12. Mai des vergangenen Jahres bestanden. Wir halten es aber für nötig, Ehrwürdige Brüder, aufs neue in besonderer Weise Eure Aufmerksamkeit darauf hinzulenken. Im Anfang zeigte sich der Kommunismus, wie er war, in seiner ganzen Verruchtheit. Bald aber schon wurde er gewahr, dass er auf solche Weise sich die Völker entfremde, und so änderte er seine Taktik und versucht nun die Massen zu ködern mit verschiedenen Täuschungen, indem er seine wahren Absichten hinter Ideen verbirgt, die an und für sich gut sind und anziehend.
So beobachten die Häupter des Kommunismus etwa das allgemeine Verlangen nach Frieden und geben sich daher so, als wären sie die eifrigsten Förderer und Propagandisten der Weltfriedensbewegung; zur gleichen Zeit aber schüren sie einen Klassenkampf, bei dem Ströme von Blut vergossen werden, und da sie wohl fühlen, dass sie innere Garantien des Friedens nicht besitzen, so nehmen sie ihre Zuflucht zu unbegrenzten Rüstungen. So gründen sie unter Benennungen, die auf den Kommunismus nicht einmal anspielen, Vereinigungen und Zeitschriften, die dann einzig dazu dienen, ihre Ideen in Kreise zu bringen, die ihnen sonst nicht leicht zugänglich sind.
Ja, sie suchen sogar durch Trug und List in katholische und religiöse Vereinigungen einzudringen. So laden sie, ohne auch nur irgendwie von ihren ruchlosen Grundsätzen abgehen, die Katholiken ein, mit ihnen auf dem sogenannten humanitären und karitativen Gebiet zusammenzuarbeiten und machen gelegentlich Vorschläge, die in allem dem christlichen Geist und der Lehre der Kirche entsprechen.
Anderswo verbreiten sie mit heuchlerischer Miene die Meinung, dass der Kommunismus in Ländern mit tieferem Glauben und höherer Kultur eine andere, mildere Form annehmen werde, dass er den religiösen Kult nicht behindern und dass er die Gewissensfreiheit achten werde. Es gibt sogar solche, die sich auf gewisse, jüngst in der Gesetzgebung der Sowjetunion eingeführte Änderungen berufen, um daraus den Schluss zu ziehen, der Kommunismus sei daran, seinen grundsätzlichen Kampf aufzugeben.
223. Sorgt dafür, ehrwürdige Brüder, dass sich die Gläubigen nicht täuschen lassen! Der Kommunismus ist in seinem innersten Kern schlecht, und es darf sich auf keinem Gebiet mit ihm auf Zusammenarbeit einlassen, wer immer die christliche Kultur retten will. Und wenn manche Getäuschte zum Siege des Kommunismus in ihrem Lande beitragen würden, gerade sie werden als erste Opfer ihres Irrtums fallen. Je mehr ein Land, in das sich der Kommunismus einzuschleichen weiß, durch Alter und Größe seiner christlichen Kultur hervorragt, um so verheerender wird sich in ihm der Hass der Leute „ohne Gott“ austoben.
Vor allem Gebet mit Buße
224. „Wenn der Herr das Haus nicht bewacht, so wacht umsonst der Wächter!“ [Ps. 126, 1] Darum empfehlen Wir Euch, Ehrwürdige Brüder, ein letztes und mächtigstes Hilfsmittel: fördert und vertieft aufs wirksamste in Euren Bistümern den Geist des Gebetes, verbunden mit der christlichen Buße. Als die Apostel den Heiland fragten, warum sie einen Besessenen vom bösen Geiste nicht befreien konnten, antwortete der Herr: „Diese Art von Dämonen lässt sich nicht austreiben, es sei denn mit Gebet und Fasten.“ [Mt. 17, 20]
Auch das Übel, das heute die Menschheit quält, kann nur überwunden werden durch einen allgemeinen Kreuzzug von Gebet und Buße. Wir empfehlen besonders den beschaulichen Orden beiderlei Geschlechtes, ihre Gebete und ihre Opfer zu verdoppeln, um vom Himmel für die Kirche starke Hilfe im gegenwärtigen Kampf zu erflehen durch die mächtige Fürsprache der Unbefleckten Jungfrau. Wie sie einst den Kopf der alten Schlange zertreten hat, so ist sie immerdar die sichere Schützerin und die unbesiegbare „Hilfe der Christen“.
V. Organe und Helfer für das Rettungswerk – Aufrufe zur Mitarbeit
Organe
Die Priester
225 Für das Werk der Rettung der Welt, das Wir soeben umrissen, und für die Anwendung der Heilmittel, die Wir kurz angegeben haben, sind nach dem Evangelium Organe und Helfer vom göttlichen König Jesus Christus selbst dazu bestimmt, in erster Linie die Priester. Ihnen ist, kraft besonderen Berufes, unter der Führung ihrer Oberhirten und in kindlich folgsamer Vereinigung mit dem Stellvertreter Christi auf Erden, die Aufgabe anvertraut, in der Welt die Fackel des Glaubens brennend zu erhalten und in die Herzen der Gläubigen jenes übernatürliche Vertrauen zu senken, mit dem die Kirche im Namen Christi so viele Schlachten geschlagen und so viele Siege errungen hat: „Das ist der Sieg, der die Welt überwindet, unser Glaube.“ [1. Joh. 5, 4]
Seelsorgliches Gehen zum Arbeiter
226. Mit besonderem Nachdruck rufen Wir den Priestern die so oft wiederholte Mahnung Unseres Vorgängers Leos XIII. ins Gedächtnis zurück, zum Arbeiter zu gehen. Wir machen die Mahnung zur Unsern und ergänzen sie: „Gehet zum Arbeiter, vor allem zum armen Arbeiter, und überhaupt, gehet zu den Armen“ und befolgte so die Lehre Jesu und seiner Kirche.
Die Armen sind ja in der Tat den Nachstellungen der Aufwiegler besonders ausgesetzt, die ihre Notlage ausnützen, um den Neid gegen die Reichen bei ihnen zu erregen und sie dahin zu bringen, dass sie sich mit Gewalt nehmen, was ihnen das Glück ungerechterweise versagt zu haben scheint. Wenn der Priester nicht zu den Arbeitern und zu den Armen geht, um ihnen die Augen zu öffnen und sie vor Vorurteilen und falschen Theorien zu bewahren, so werden sie leicht eine Beute der Sendlinge des Kommunismus.
Wichtigste Aufgabe: Zurückgewinnung der Arbeitermassen
227. Wir können nicht leugnen, dass in dieser Richtung schon viel geschehen ist, besonders seit dem Erscheinen der Rundschreiben Rerum novarum und Quadragesimo anno. Mit väterlichem Wohlgefallen begrüßen Wir die eifrigen seelsorglichen Priester, die – Wir hoffen, immer mit der notwendigen Klugheit – neue Methoden des Apostolats ersinnen und erproben, die den Forderungen unserer Zeit mehr entsprechen.
Alles das aber ist noch zu wenig der gegenwärtigen Aufgabe gegenüber. Gleichwie, wenn das Vaterland in Gefahr ist, alles das, was nicht unumgänglich nötig und nicht unmittelbar auf die dringende Aufgabe der gemeinsamen Verteidigung gerichtet ist, erst in zweiter Linie kommt, so muss auch in unserem Falle jedes andere Werk, sei es noch so schön und gut, zurücktreten vor der lebenswichtigen Notwendigkeit, die Grundlagen des Glaubens und der christlichen Kultur selber zu retten.
Daher mögen die Priester in den Pfarreien, natürlich unbeschadet dessen, was die gewöhnliche Seelsorge betrifft, den größeren und besseren Teil ihrer Kräfte und ihrer Tätigkeit darauf verwenden, die Massen der Arbeiter für die Kirche und für Christus zurückzugewinnen und jene Kreise mit dem Geiste des Christentums zu durchdringen, die ihn am wenigsten besitzen. Sie werden in den Massen des Volkes ein Entgegenkommen und eine so über Erwarten reiche Ernte finden, dass dies ein Lohn sein wird für die großen Anfangsschwierigkeiten.
So sahen und sehen Wir es in Rom und in vielen anderen Hauptstädten, dass sich, sobald in den Außenvierteln neue Kirchen entstehen, eifrige Pfarrgemeinden bilden und wahre Wunder der Bekehrung gerade in solchen Schichten der Bevölkerung geschehen, die früher der Religion, einzig weil sie sie nicht kannten, feindlich gesinnt waren.
Wirksamste Weise des Apostolates: das Beispiel
228. Das wirksamste Mittel des Apostolats unter den Massen der Armen und Niedrigen ist indessen das Beispiel des Priesters, das Beispiel aller priesterlichen Tugenden, wie Wir sie in dem Rundschreiben Ad catholici sacerdotii [20. Dez. 1935 (AAS, 1936, 5-53).] beschrieben haben. Für den gegenwärtigen Fall bedarf es insbesondere des leuchtenden Beispiels eines demütigen, armen, selbstlosen Lebens, eines treuen Nachbildes des göttlichen Meisters, der mit göttlichem Freimut sagen konnte: „Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel des Himmels ihre Nester, des Menschen Sohn aber hat nichts, wohin er sein Haupt legen könnte. [Mt. 8, 20]
Ein Priester von wahrhaft evangelischer Armut und Selbstlosigkeit wirkt Wunder des Guten inmitten des Volkes, wie ein heiliger Vinzenz von Paul, ein Pfarrer von Ars, ein Cottolengo, ein Don Bosco und so viele andere, während ein geiziger und selbstsüchtiger Priester, wie Wir es in der genannten Enzyklika in Erinnerung gerufen haben, auch wenn er sich nicht wie Judas in den Abgrund des Verrates stürzt, zum wenigsten ein „tönendes Erz“ und eine unnütze „klingende Schelle“ [1. Kor. 13, 1] ist, nur zu häufig eher ein Hindernis als ein Werkzeug der Gnade im Volke.
Und wenn ein Welt- oder Ordenspriester pflichtgemäß mit der Verwaltung zeitlicher Güter zu tun hat, so soll er sich erinnern, dass er nicht nur ängstlich darauf bedacht sein soll, die Pflichten der Liebe und der Gerechtigkeit zu erfüllen, sondern dass er sich auch in besonderer Weise wahrhaft als Vater der Armen zeigen muss.
Die Katholische Aktion – Soziales Apostolat
Soziales Apostolat
229. Nach dem Klerus wenden Wir nun Unsere väterliche Einladung an die geliebtesten Söhne aus dem Laienstände, die in den Reihen jener Uns so teuren Katholischen Aktion kämpfen, die Wir schon bei anderer Gelegenheit [12. Mai 1936.] als „ein besonderes Werkzeug der Vorsehung“ für die Arbeit der Kirche in diesen schweren Zeitläuften erklärt haben. Tatsächlich ist die Katholische Aktion auch ein echt soziales Apostolat, insofern sie dahin strebt, das Reich Christi nicht nur im einzelnen, sondern auch in Familie und Gesellschaft auszubreiten. Sie muss mithin vor allem darauf bedacht sein, ihre Mitglieder sorgfältigste auszubilden und zu rüsten für die heiligen Schlachten des Herrn.
Notwendigkeit der Schulung
230. Eine solche Schulung, dringlicher und notwendiger denn je, muss stets der unmittelbar eingreifenden praktischen Arbeit vorausgehen. Ihr sollen dienen Studienzirkel, soziale Wochen, zusammenhängende Kurse von Vorträgen und alle Unternehmungen dieser Art, die geeignet sind, die Kenntnis der christlichen Lösung der sozialen Frage zu vermitteln.
Religiöse Einzelbetreuung der Arbeiter unter der Leitung geeigneter Priester
231. Sind die Kämpfer der Katholischen Aktion auf diese Weise ausgebildet und geschult, so werden sie die ersten und nächsten Apostel ihrer Kollegen sein und wertvolle Hilfskräfte des Priesters werden, um das Licht der Wahrheit weiter zu tragen und die schweren materiellen und geistigen Nöte zu lindern in zahllosen Bereichen, die die Tätigkeit des Dieners Gottes, sei es aus eingewurzelten Vorurteilen gegen den Klerus, sei es aus beklagenswerter religiöser Gleichgültigkeit, ablehnen. So wird man unter der Leitung von Priestern, die darin eine besondere Erfahrung haben, zusammenarbeiten bei der religiösen Betreuung der arbeitenden Klassen, die uns so sehr am Herzen liegt; das ist das geeignetste Mittel, um diese Unsere geliebten Söhne vor der kommunistischen Verführung zu bewahren.
Verbreitung der Grundsätze christlicher Gesellschaftsordnung
232. Außer diesem individuellen Apostolat, das oft verborgen ist, aber über die Maßen nutzbringend und wirksam, gehört es zum Aufgabenkreis der Katholischen Aktion, mit mündlicher und schriftlicher Propaganda in weitesten Schichten jene fundamentalen Prinzipien zu verbreiten, die dem Aufbau einer christlichen Sozialordnung dienen, wie sie sich aus den päpstlichen Erlassen ergeben.
Helfer und Hilfsvereine
233. Um die Katholische Organisation scharen sich die Organisationen, die Wir schon als deren Hilfstruppen willkommen geheißen haben. Auch diese so nutzreichen Verbände ermuntern Wir mit väterlicher Liebe, sich der großen Aufgabe, von der Wir handeln, zu widmen, die heute alle andern an lebenswichtiger Bedeutung überragt.
Standesvereinigungen
234. Ebenfalls denken Wir an jene Standesorganisationen der Arbeiter, der Bauern, Ingenieure, Ärzte, Unternehmer, Studenten und anderer, Männer und Frauen, die unter gleichartigen kulturellen Bedingungen leben und von der Natur selber zu gleichartigen Gruppen zusammengeführt sind. Gerade diese Gruppen und Organisationen sind berufen, jene Ordnung in der Gesellschaft einzuführen, die Wir in Unserm Rundschreiben Quadragesimo anno im Auge hatten, und so die Anerkennung des Königtums Christi in den verschiedenen Bereichen der Kultur und der Arbeit zu verbreiten.
Wenn der Staat es bei den veränderten Bedingungen des wirtschaftlichen und des sozialen Lebens für seine Pflicht achtet hat, solche Einrichtungen durch besondere gesetzliche Bestimmungen zu beaufsichtigen und zu regulieren, unter schuldiger Rücksichtnahme allerdings auf die Freiheit und die Privatinitiative, so darf auch unter solchen Umständen die Katholische Aktion sich nicht der Wirklichkeit entfremden, sie muss vielmehr weise ihren Beitrag leisten an Gedanken durch das Studium der neuen Probleme im Lichte der katholischen Lehre und an Aktivität durch redliche und freudige Mitarbeit ihrer Mitglieder an den neuen Formen und Einrichtungen. So wird sie den Geist des Christentums in sich hineintragen, der immer das Fundament der Ordnung und der gegenseitigen und brüderlichen Zusammenarbeit bleibt.
Aufruf zur Mitarbeit – An die katholischen Arbeiter
235. Ein Wort besonderer väterlicher Zuneigung möchten Wir hier an unsere lieben katholischen Arbeiter, die jungen und die alten, richten, die, vielleicht als Lohn für ihre oftmals heroische Treue in so schweren Zeiten, eine besonders edle und schwere Sendung erhalten haben. Unter der Führung ihrer Bischöfe und ihrer Priester müssen sie zu Kirche und Gott zurückführen jene ungeheuren Massen ihrer Brüder in der Arbeit, die, erbittert darüber, dass man sie nicht verstanden und nicht mit jener Achtung behandelt hat, auf die sie ein Recht hatten, sich von Gott entfernt haben.
Die katholischen Arbeiter mögen durch ihr Beispiel und durch ihr Wort diesen ihren irrenden Brüdern beweisen, dass die Kirche eine zarte Mutter aller derer ist, die arbeiten und leiden, und dass sie nie aufgehört hat und nie aufhören wird, ihrer heiligen mütterlichen Pflicht gemäß ihre Kinder zu schützen. Wenn diese Mission, die sie erfüllen müssen in den Bergwerken, in den Fabriken, auf den Werften, und wo immer sie arbeiten, gelegentlich große Opfer fordert, dann werden sie sich an den Erlöser der Welt erinnern, der uns nicht bloß das Beispiel der Arbeit gegeben hat, sondern auch das des Opfers.
An alle Katholiken, mit der dringenden Bitte zur Eintracht
236. Sodann möchten Wir alle Unsere Söhne aus allen sozialen Schichten, aus jeder Nation, aus jeder Gruppe von Gottgeweihten und Laien in der Kirche einen neuen und dringlicheren Appell zur Einigkeit richten. Schon oft ist Unser väterliches Herz schmerzlich berührt worden von den Spaltungen, oft geringfügig in ihren Ursachen, immer aber tragisch in ihren Folgen, welche Söhne der gleichen Mutter, der Kirche, zu Feinden untereinander machen.
Man muss es dann mit ansehen, wie die Umstürzler, oft nicht einmal sonderlich zahlreich, diesen Streit ausnutzen, ihn noch zu verschärfen suchen und schließlich die Katholiken selbst zur Bekämpfung der einen durch die andern bringen. Nach den Ereignissen der letzten Monate sollte eigentlich Unsere Mahnung überflüssig erscheinen. Wir wiederholen sie dennoch für jene, die sie noch nicht begriffen haben, oder die sie vielleicht nicht begreifen wollen. Jene, die daran arbeiten, die Spaltungen unter den Katholiken zu vermehren, laden eine furchtbare Verantwortung auf sich vor Gott und der Kirche.
An alle Gottgläubigen
237. Aber in diesem Kampf, der von den Mächten der Finsternis sogar gegen die Gottesidee entfacht wurde, möchten Wir die tröstliche Hoffnung hegen, dass außer denen, die sich des Namens Christi rühmen, auch alle jene starken Widerstand leisten – und es ist die weitaus größere Mehrzahl der Menschen – die noch an Gott glauben und ihn anbeten. Wir erneuern daher den Aufruf, den Wir schon vor fünf Jahren in Unserem Rundschreiben Caritate Christi an sie gerichtet haben, dass auch sie aufrichtigen Herzens mithelfen, „um von der Menschheit die große Gefahr fernzuhalten, die alle bedroht“.
Da – wie Wir damals ausführten – „der Glaube an Gott das unzerstörbare Fundament jeder sozialen Ordnung und jeder Verantwortlichkeit auf Erden ist, deshalb müssen wir alle jene, welche die Anarchie und den Terror ablehnen, tatkräftig mitwirken, damit die Feinde der Religion nicht das Ziel erreichen, das von ihnen so offen verkündigt wird“ [Enzyklika Caritate christi compulsi, 3. Mai 1932 (AAS, 1932, 184).].
VI. Die Mitarbeit des Staates
Der Ruf der Kirche an die Staaten zur Mitarbeit
238. Wir haben, Ehrwürdige Brüder, die positive Aufgabe dargelegt, sowohl nach der lehrhaften als nach der praktischen Seite hin, die die Kirche auf sich nimmt auf Grund eben jener Sendung, die ihr von Christus anvertraut ist, die menschliche Gesellschaft aufzubauen und, was unsere Zeiten betrifft, die Macht des Kommunismus zu bekämpfen und zu brechen. Und wir haben die Klassen der Gesellschaft, alle zusammen und jede einzeln, aufgerufen. Zu dieser gleichen geistigen Aufgabe der Kirche muss der christliche Staat positiv das Seine beitragen, indem er sie dabei mit den ihm eigenen Mitteln unterstützt, die gewiß äußerlicher Natur sind, nichtsdestoweniger aber letztlich auf das Heil der Seelen abzielen.
Die dem Staat eigenen Mittel
Sorge für eine religiöse Grundlage der Gesellschaft
239. So müssen denn die Staaten alles tun, um zu verhindern, dass eine gottlose Propaganda, die alle Fundamente der Ordnung umkehrt, in ihren Händen Unheil anrichtet; denn es gibt keine Autorität auf Erden ohne Anerkennung der Autorität der göttlichen Majestät; es wird kein Eid mehr Geltung haben, wenn er nicht geschworen wird im Namen des lebendigen Gottes.
Wir wiederholen hier, was Wir oft und mit solchem Nachdruck gesagt haben, vor allem in der Enzyklika Caritate Christi: „Wie können Verträge Bestand haben, wie Abmachungen bindende Kraft besitzen, wo es keine Garantie durch das Gewissen gibt? Kann überhaupt noch von einer Garantie durch das Gewissen die Rede sein, wo jeder Gottesglaube und jede Gottesfurcht geschwunden ist? Zerstört diese Grundlage! – und jedes Sittengesetz fällt mit ihr. Kein Mittel vermag mehr dem stufenweise fortschreitenden, unvermeidlichen Verderben der Völker, der Familien, des Staates, ja der menschlichen Kultur Einhalt zu gebieten.“
Sorge für gute materielle Lebensbedingungen
240. Ferner muss der Staat alle Sorge darauf verwenden, um jene materiellen Lebensbedingungen zu schaffen, ohne die eine geordnete Gesellschaft nicht bestehen kann. Er muss Arbeit beschaffen, besonders für die Familienväter und für die Jugend.
Die besitzenden Klassen müssen sich zu diesem Zweck bewegen lassen, im Hinblick auf die dringliche Notwendigkeit für das Gemeinwohl jene Lasten auf sich zu nehmen, ohne die es für die menschliche Gesellschaft keine Rettung mehr gibt und also auch nicht für sie selber. Die Vorkehrungen aber, die der Staat zu diesem Zweck ergreift, müssen derart sein, dass sie wirklich jene treffen, die in ihrer Hand tatsächlich die größten Kapitalien halten und sie noch ständig vermehren zum großen Schaden der andern.
Sorge für kluge, maßvolle Verwaltung auf allen Gebieten
241. Der Staat selber sei sich seiner Verantwortung vor Gott und der Gesellschaft bewusst und diene allen durch kluge und maßvolle Verwaltung zum Vorbild. Heute gebietet mehr als je die äußerst schwere Weltkrise all jenen, die über ungewöhnliche Reichtümer, die Frucht der Arbeit und des Schweißes von Millionen von Mitbürgern, verfügen, immer einzig und allein das Gemeinwohl vor Augen zu haben und bemüht zu sein, es so weit nur eben möglich, zu fördern. Auch sollen die Staatsbeamten und alle Angestellten aus Gewissenspflicht alle ihre Obliegenheiten treu und selbstlos erfüllen und so dem leuchtenden Beispiel so, vieler ausgezeichneter Männer der alten und der neuen Zeit folgen, die in unermüdlicher Arbeit ihr ganzes Leben für das Wohl des Vaterlandes geopfert haben.
Im Handel und Verkehr der Völker untereinander möge man mit Bedacht darauf hinarbeiten, jene unnatürlichen Hindernisse des wirtschaftlichen Lebens zu beseitigen, die aus der Gesinnung des Misstrauens und des Hasses hervorgegangen sind, indem man sich daran erinnert, dass alle Völker dieser Erde eine einzige Gottesfamilie bilden.
Sorge für frei Ausübung der kirchlichen Tätigkeit
242. Zu gleicher Zeit aber muss der Staat der Kirche die Freiheit lassen, ihre göttliche und durchaus geistliche Sendung zu erfüllen und eben dadurch auch kraftvoll zur Rettung der Völker aus dem furchtbaren Sturm der gegenwärtigen Stunde beizutragen. Man richtet heute überall einen angstvollen Appell an alle moralischen und geistigen Kräfte, und das ist wohl zu begreifen; denn das Übel, das es zu bekämpfen gilt, ist vor allem, in seinem Quellengrund betrachtet, ein Übel geistiger Natur, und eben nur aus dieser Quelle entspringen mit teuflischer Folgerichtigkeit alle die Ungeheuerlichkeiten des Kommunismus.
Nun nimmt aber unter den moralischen und religiösen Mächten die katholische Kirche unbestreitbar den ersten Rang ein, und so verlangt das Wohl der Menschheit, dass man ihrer Tätigkeit keine Hindernisse in den Weg lege.
243. Handelt man anders und behauptet man zugleich, man könne mit rein wirtschaftlichen und politischen Kräften zum Ziele gelangen, so befindet man sich in einem gefährlichen Irrtum. Schließt man die Religion von der Schule aus, von der Erziehung, vom öffentlichen Leben, gibt man die Vertreter des Christentums und seine heiligen Gebräuche dem Gespött preis, fördert man dann nicht eben jenen Materialismus, aus dem der Kommunismus hervorwuchert? Weder die Macht, sei sie auch noch so gut organisiert, noch die Ideale dieser Welt, seien es auch die größten und edelsten, können eine Bewegung meistern, die ihre Wurzeln eben in der Überschätzung der Güter dieser Erde hat.
244. Wir vertrauen darauf, dass jene, die die Schicksale der Völker zu lenken haben, wenn sie auch nur ein wenig die äußerste Gefahr, von der heute die Völker bedroht sind, erkennen, es immer besser als ihre höchste Pflicht erkennen, dass sie die Kirche nicht hindern dürfen, bei ihrer heiligen Sendung. Und das um so mehr, weil sie dadurch, dass sie das ewige Glück des Menschen im Auge hat, untrennbar davon auch arbeitet für das wahre zeitliche Wohlergehen.
Schluss
Väterliche Worte an die Irrenden
245. Aber Wir können dieses Rundschreiben nicht schließen, ohne noch ein Wort an jene Unsere Söhne zu richten, die vom Übel des Kommunismus schon wirklich oder doch beinahe angesteckt sind. Wir ermahnen sie lebhaft, auf die Stimme des Vaters zu hören, der sie liebt; und Wir beten zum Herrn, dass er sie erleuchte, damit sie die abschüssige Bahn verlassen, auf der alles in einer ungeheuren Katastrophe dem Untergang zustürzt, und damit auch sie erkennen, dass es nur einen einzigen Erlöser gibt, Jesus Christus, unsern Herrn; „denn es ist unter dem Himmel den Menschen kein anderer Name gegeben, in dem wir selig werden sollen“ [Apg. 4, 12].
Der heilige Josef, Vorbild und Patron
246. Um den von allen ersehnten „Frieden Christi im Reiche Christi“ [Enzyklika Ubi arcano, 23. Dez. 1922 (AAS, 1922, 691).] bald herbeizuführen, stellen wir die große Aktion der katholischen Kirche gegen den atheistischen Weltkommunismus unter den Schutz des mächtigen Schirmherrn der Kirche, des heiligen Josef.
Er gehört dem arbeitenden Stande an und hat die Last der Armut erfahren für sich und für die Heilige Familie, deren wachsames und liebevolles Haupt er war. Ihm war das göttliche Kind anvertraut, als Herodes seine Meuchelmörder nach ihm aussandte. Er hat in einem Leben treuester Pflichterfüllung Tag für Tag allen jenen ein Beispiel hinterlassen, die sich ihr Brot durch ihrer Hände Arbeit verdienen müssen, Mit Recht wurde er der Gerechte genannt, das lebendige Beispiel jener christlichen Gerechtigkeit, die im sozialen Leben herrschen soll.
Aufblick zu Christus, der alles neu macht
247. Die Augen gerichtet nach oben, schaut unser Glauben den neuen Himmel und die neue Erde, von denen Unser erster Vorgänger, der heilige Petrus, spricht. [2. Petr. 3, 13; vgl. Jes. 65, 17; Jes. 66, 22; Offb.21, 1] Während die Verheißungen der falschen Propheten dieser Erde in Blut und Tränen versinken, erstrahlt in himmlischer Schönheit die große apokalyptische Prophetie des Welterlösers: „Siehe, ich mache alles neu!“ [Offb. 21, 5]
Nun fehlt nur noch das eine, Ehrwürdige Brüder, dass Wir die Vaterhände erheben und über Euch, über Euren Klerus und Euer Volk, über die ganze große katholische Familie den apostolischen Segen herabrufen.
Gegeben zu Rom bei St. Peter, am Feste des heiligen Josef, des Schutzpatrons der ganzen Kirche, am 19. März 1937, im 16. Jahre Unseres Pontifikates.
Pius XI. Papst
Quelle: Emil Marmy (Hrsg.), Mensch und Gemeinschaft in christlicher Schau, Dokumente, 1945, S. 153 – S. 174
!. Teil der Enzyklika siehe:


